
Gedenkveranstaltung des IAK am 25.1.2005 im Deutschen Theater Berlin
Rede von Petra Rosenberg
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder,
sehr geehrter Herr Goldstein,
sehr geehrter Herr Heubner,
sehr geehrter Herr Singer,
sehr geehrter Herr Flug,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist für mich sehr bewegend, heute hier im Namen des Landesverbandes
Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg, vor allem aber als Tochter
meines Vaters und Zeitzeugen Otto Rosenberg zu Ihnen zu sprechen.
Viele der hier Anwesenden kannten meinen Vater.
Aus einer in Deutschland seit Jahrhunderten ansässigen Familie der
deutschen Sinti stam-mend, die in der Zeit des nationalsozialistischen
Rassenwahns sehr viel Leid erfahren hat, erfüllt es mich mit Zuversicht,
dass es anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz
vielfältige Aktivitäten und Initiativen in unserem Lande gibt.
Besorgniserregend finde ich hingegen das unheilvolle Erstarken rechtsextremistischer
Grup-pierungen und Parteien in unserem Lande, das weit über ein Anfangsstadium
hinausge-wachsen ist.
Heut, 60 Jahre „danach“, müssen wir erleben, wie die
NPD aufmarschiert, in die Parlamente einzieht und unser demokratisches
Gemeinwesen bedroht.
Das lässt bei denen, die den faschistischen Terror überlebt
haben, grausame Erinnerungen wach werden.
Da drängt sich mir der Vergleich an dunkle Zeiten auf.
Das vielleicht dunkelste Kapitel in der Deutschen Geschichte ist in tragischer
Hinsicht auch ein Teil unserer Geschichte; es ist Bestandteil in der Wahrnehmung
der Gegenwart aller in Europa lebenden Sinti und Roma und prägt bis
zum heutigen Tag auf nachhaltige Weise nicht nur das Bewusstsein der Überlebenden,
sondern auch das der sog. zweiten Generation.
Die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus begann mit der
Stigmatisierung zur „artfremden Rasse“ und endete mit dem
Völkermord.
Ich denke bei derartigen Gedenkveranstaltungen wie der heutigen natürlich
an die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung und bin zutiefst mit
meinem verstorbenen Vater verbun-den, der die Konzentrationslager durchleben
musste und der durch den Rassenwahn der Nazis einen Großteil seiner
Familie in Aschwitz verlor. Mein Vater zählte zu den wenigen
Überlebenden.
Im Juni 2936, er war gerade 9 Jahre alt, wurde er mit vielen anderen
Sinti und Roma in das Lager Berlin-Marzahn getrieben, das im Vorfeld der
im gleichen Jahr stattfindenden Olympischen Spiele eingerichtet wurde.
Am 14. April 1943 wurde er von hier aus nach Auschwitz deportiert.
In seiner Autobiographie, die den Titel „Das Brennglas“ trägt,
legt er Zeugnis über seine
Odyssee durch die Konzentrationslager ab.
Den 27. Januar 1945 erlebte mein Vater nicht als den Tag der Befreiung.
Er gehörte zu den Häftlingen, die kurz vor der „Liquidierung“
des sog. Zigeunerlagers in Auschwitz-Birkenau auf den Transport nach Buchenwald
geschickt wurden; von dort kam er nach Dora, Ellrich und Bergen-Belsen,
wo er im April 1945 die Befreiung erlebte.
Früher erzählte mein Vater kaum etwas über sein Leben
in den Konzentrationslagern.
Mehr als fünfzig Jahre hat es gedauert, bis er die Kraft fand, seine
Erinnerungen aufzuzeich-nen.
Er schreibt: „Ich könnte es auch jetzt nicht so erzählen,
wenn es nicht schon so viele Jahre her wäre. Zu Anfang musste ich
bei jedem dritten Wort eine Pause machen. Ich konnte von meinen Eltern
und von meinen Geschwistern überhaupt nichts erzählen. An den
Feiertagen saß ich entweder in der Ecke, oder ich weinte und trank,
und dann wurde es noch schlimmer.“
7 Jahre nach Auschwitz wurde ich geboren. In meinen ersten Lebensjahren
hörte ich meinen Vater oft weinen und nach seinen Eltern und Geschwistern
rufen. Er klagte: „Diese Nazibande, diese Deutschen, die haben meine
ganze Familie umgebracht. Alle umgebracht!“
Ich setzte mich zu ihm, nahm seine Hand und weinte mit ihm.
Ich konnte noch nicht begreifen.
Wer waren denn die Nazis?
Wer waren die Deutschen?
Warum haben die unsere Familie ermordet?
Warum?
Waren die Nazis Deutsche?
Waren wir nicht auch Deutsche?
Warum mögen uns die Deutschen nicht?
Und warum, was haben wir denn getan?
Warum sollen wir Ihnen denn nicht vertrauen?
Fragen über Fragen, auf die ich keine Antwort wusste.
Ich fragte nicht. Wollte meinen Vater nicht verletzen.
Was wusste ich denn von Auschwitz?
Was von dem Leid, das die Nazis meinem Vater zugefügt hatten?
Später in der Grundschule sagte man mir, dass wir nicht Sinti seien
– sonder Zigeuner.
Dort sagte man mir auch, ich solle nicht mit den Händen herumfuchteln,
weil wir hier nicht im Wohnwagen seien.
Von nun an bekam ich eine leise Ahnung von dem, was man meinem Vater
angetan hatte.
Und einiges von dem, was ich heute in seinen Aufzeichnungen lese, beginne
ich erst jetzt zu verstehen. Nach seinem Tod. Jetzt wo mein Vater nicht
mehr da ist, nicht mehr lebt.
So unfassbar ist das, was da stattgefunden hat.
Immer und immer wieder hat mein Vater sich gefragt: „Warum habe
ich überlebt? Ich weiß nicht, wie es möglich war, dass
ich Auschwitz überstanden habe. Ich kann mir selbst die Ant-wort
darauf nicht geben. Die ganze Familie, alle meine Geschwister, alles,
was einem lieb und teuer war, kein Mensch hat die Möglichkeit gehabt
zu überleben. Obwohl doch meine Brüder viel stärker und
kräftiger waren als ich. Ich war doch der Kleinste! Ich kann das
nicht begreifen. Man sagt: jetzt hast du die Freiheit, freu’ dich
darüber. Ich habe mich keineswegs so riesig freuen können, denn
meine Geschwister fehlten mir, immer bis heute.“
Später – in all den Jahren danach – hat er versucht,
der jungen Generation als Zeuge dieser Verbrechen Rede und Antwort zu
stehen.
Wie oft hat mein Vater aus seinem Leben berichtet, ich kann es nicht mehr
zählen.
Manchmal habe ich mich gefragt, wie mein Vater diese traumatischen Erlebnisse
und Erinnerungen in sein Leben integrieren konnte. Was hat ihm die Kraft
gegeben, nach der Befreiung ein neues Leben zu beginnen, eine Familie
zu gründen und sich für die gesellschaftliche Gleichstellung
unseres Volkes einzusetzen?
Es war wohl sein Glaube an das Gute im Menschen.
Vor allem aber setzte er sich für die Gleichberechtigung aller Menschen
und für die Verständigung und Versöhnung zwischen Minderheit
und Mehrheit ein.
Diesem Vermächtnis fühle ich mich verpflichtet: dem Nicht-Weghören
und dem Nicht-Wegschauen, wenn neonazistische Gruppen ihr verhängnisvolles
Treiben pflegen und die Menschenwürde auf brutalste Weise mit Füßen
treten.
Zu diesem Vermächtnis gehört auch die Realisierung des Mahnmals
für die ermordeten Sinti und Roma Europas und der damit verbundene
Kampf um die Eigenbezeichnung unseres Volkes. Wir sind Sinti und Roma
– und nicht „Zigeuner und Zigeunermischlinge“.
Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und an seine
Opfer wach zu halten soll vor allem dazu dienen, Lehren aus der Geschichte
zu ziehen, um eine Neuauflage faschistischer Entwicklungen in Deutschland
zu verhindern und den Anfängen zu wehren. Damit sich das, was das
Leben von Millionen Menschen zerstörte, sich niemals mehr wiederholt.
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