
© Boris Buchholz
21. Januar 2010
Ansprache des Parlamentarischen Staatssekretärs beim Bundesminister des Innern Dr. Christoph Bergner zur Eröffnung der Ausstellung
„Was in Erinnerung bleibt…“
des Internationalen Auschwitz Komitees
am 21. Januar 2010 in Berlin
Sehr geehrter Herr Botschafter,
sehr geehrter Herr Heubner,
sehr geehrter Herr Prof. Tuchel,
sehr geehrter Herr Turski,
sehr geehrte Frau Weschpatat,
sehr geehrte Damen und Herren,
Kurz vor Weihnachten meldeten die Nachrichtenagenturen, dass unbekannte Täter den eisernen Schriftzug „Arbeit macht frei“ über dem Eingangstor der Gedenkstätte des Lagers Auschwitz gestohlen hatten. Eine schändliche Tat, die weltweit Empörung hervorgerufen hat. Auch wenn die Inschrift in Teile zersägt von der polnischen Polizei bald darauf wieder aufgefunden wurde, wird der Diebstahl zu Recht als Entweihung dieses Ortes empfunden.
Der in Eisen gegossene Zynismus dieser Worte ist zum Symbol geworden, nicht nur für das Schicksal der Menschen, die dieses Tor betraten und ihrem Tod entgegengingen, sondern für alle
Menschen, die unter dem Regime des Nationalsozialismus systematisch ermordet wurden.
Am 27. Januar vor 65 Jahren hatten Truppen der Roten Armee Auschwitz befreit, das größte deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus. Sie fanden dort nur noch wenige Hundert Personen lebend vor, von denen in den folgenden Tagen trotz sofortiger medizinischer Hilfe noch viele starben.
Mit dem Namen „Auschwitz“ verbinden wir den millionenfachen Mord vor allem an Juden, aber auch an anderen Volksgruppen und an politisch verfolgten und ausgegrenzten Menschen. Wir stehen erschüttert vor den Bilddokumentationen und Schilderungen über die ermordeten Kinder, Frauen und Männer und die ausgemergelten Gefangenen, auf die die Befreier des Lagers trafen. Die Berichte der Überlebenden erscheinen uns noch heute unfassbar. Wir fragen uns, wie es dazu kommen konnte, dass Menschen, die unter uns gelebt hatten, erst ausgegrenzt und entrechtet, dann in Lager verschleppt und schließlich „fabrikmäßig“ auf brutalste Weise getötet wurden.
Die Verbrechen der Nationalsozialisten haben uns endgültig die Sicherheit genommen, dass Zivilisation, Fortschritt in Wissenschaft und Technik sowie kulturelle Errungenschaften die Menschen davor schützen, gegen ihre moralischen Prinzipien zu verstoßen und zurück in die Barbarei zu verfallen. Wir können uns daher auch heute nicht wie selbstverständlich auf den so sicher scheinenden Zusammenhalt unserer Gesellschaft verlassen. Auch wenn sich Geschichte nicht in gleicher Weise wiederholt, so müssen wir immer wieder von Neuem die Lehren aus der Vergangenheit ziehen, sie in Beziehung zur Gegenwart setzen und künftigen Generationen Orientierung durch ein festes moralisches Fundament geben.
Das setzt zunächst eine regelmäßige Erinnerung voraus. Wir
können uns glücklich schätzen, dass auch am heutigen Tage der Eröffnung der Ausstellung noch Überlebende des Holocausts unter uns sind und von den Verbrechen in Auschwitz und in anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern Zeugnis ablegen können. Die Erinnerung durch überlebende Zeitzeugen wird aber in Zukunft schwieriger werden. Es ist bereits der Zeitpunkt absehbar, an dem es keinen unmittelbaren Zeugen der Verbrechen der Nationalsozialisten mehr geben wird. Das nicht selbst Erlebte gerät jedoch schnell in Vergessenheit. Die Erinnerung lebendig zu erhalten, ist daher unser gemeinsames Ziel.
Es ist unserem früheren Bundespräsidenten Roman Herzog zu verdanken, dass das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus mit dem 27. Januar seit 1996 einen festen Erinnerungsplatz bekommen hat. Mit der Erklärung der Vereinten Nationen im Jahre 2005, dass dieser Tag als der internationale Holocaust-Gedenktag begangen werden soll, ist er auch zum Tag einer weltweiten Erinnerung geworden.
Die Aufforderung zum bewussten Gedenken gilt uns allen, sie richtet sich aber vor allem an die heutige Generation junger Menschen. Dies war auch das wichtigste Anliegen von Bundespräsident Roman Herzog, als er den Holocaust-Gedenktag ins Leben rief. Es ging ihm darum, „den Jungen den Blick dafür zu schärfen, woran man Rassismus und Totalitarismus in den Anfängen erkennt“. Die Geschichte des Nationalsozialismus lehrt uns, rechtzeitig mit der Gegenwehr zu beginnen, bevor es zu spät ist und der Terror eines totalitären Regimes bereits alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfasst hat.
Gewiss, unsere Schulen und andere Bildungseinrichtungen nehmen sich dieses Themas mit begrüßenswertem Engagement an. Umso mehr befremdet es mich, dass in Umfragen zur jüngeren deutschen Geschichte junge Leute häufig große Lücken zeigen. Initiativen von Jugendlichen, Schulklassen, Jugendgruppen und Studenten, die sich freiwillig auf die Spurensuche begeben haben und im Rahmen eines gemeinsamen Projektes die Erinnerung an die damalige Zeit wach halten, leisten daher einen wichtigen Beitrag, die Wachsamkeit ihrer Altersgenossen zu schärfen. Die jungen Leute brauchen hier nicht lange zu suchen. Anstöße und Forschungsansätze bieten meist das familiäre und örtliche Umfeld, zum Beispiel Arbeiten zur Erforschung des deutsch-jüdischen Lebens in der Zeit des Nationalsozialismus in einem Stadtteil oder die Untersuchung des Schicksals von Kindern aus Sinti- und Roma-Familien, die von ihren Eltern getrennt und ins Vernichtungslager Auschwitz verschleppt wurden.
Bundespräsident Horst Köhler hat eine ganze Reihe dieser Ar-beiten von Kindern und Jugendlichen in seiner letzten Rede zum Holocaust-Gedenktag vor einem Jahr aufgezählt und gewürdigt. Diese Beispiele machen Mut. Zeigen sie doch, dass das Interesse an den Geschehnissen vor mehr als 65 Jahren nicht nachgelassen hat und der Holocaust auch die junge Generation bewegt und berührt. Deutlich wird auch, dass junge Leute vor allem dann Interesse an Geschichte entwickeln, wenn sie die Gelegenheit haben, sich mit Zeitzeugen über deren Erlebnisse zu unterhalten. So können sie anderen, die über die Zeit des Nationalsozialismus noch zu wenig wissen, die damaligen Ereignisse auf anschauliche Weise vermitteln.
Auch die jungen Auszubildenden, die in dieser Ausstellung
zu Wort kommen, sind so zu Multiplikatoren der Erinnerung geworden. In ihrem Fall war es ein Wirtschaftsunternehmen, die Volkswagen AG, das den Anstoß zu dieser Form der Erinnerung, der Gedenkstättenarbeit, gegeben hat. Die Jugendlichen haben diese Idee jedoch mit Leben gefüllt.
Angefangen hat dieses Projekt mit der Erforschung der eigenen Geschichte des Volkswagen-Konzerns während des Nationalsozialismus. Daraus entstand die Initiative für den Aufbau der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz. Das Unternehmen wollte die Erinnerung an seine eigene Geschichte nicht einfach konservieren, sondern leitete daraus einen pädagogischen Auftrag ab, die Erinnerung an junge Auszubildende weiterzugeben und wach zu halten.
Bereits seit 1988 fahren daher regelmäßig Auszubildende der Volkswagen AG nach Auschwitz, um am Erhalt der Gedenkstätte mitzuwirken. Neben dieser praktischen Arbeit ist die Begegnung mit polnischen Berufsschülern ein ganz wichtiger Aspekt ihres Aufenthalts. Seit 2001 findet ein regelmäßiger Gegenbesuch in Deutschland statt. Die Begegnung und der Gedankenaustausch erweitern die deutsche Sichtweite auf die eigene historische Vergangenheit, indem sie die Perspektive der polnischen Schüler mit einbezieht. So stärkt sie auch den Zusammenhalt der jungen Leute über nationale Grenzen hinweg und immunisiert sie gegen ein Wiedererstarken von Totalitarismus und Rassismus in Europa.
Für die jungen Auszubildenden war die Begegnung mit Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers emotional belastend. Berichte der Zeitzeugen und die authentischen Beschreibungen der Zustände im Lager sind nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Wie die Jugendlichen wiederum auf diese Schilderungen reagiert haben, zeigt diese Ausstellung in beeindruckender und anrührender Weise. Ich bin der Volkswagen AG und den beteiligten Jugendlichen sehr dankbar, dass sie durch diese kontinuierliche Projektarbeit über Jahre hinweg die Erinnerung wach gehalten und einen lebendigen Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung geleistet haben.
Mein Dank und meine Anerkennung gelten aber heute besonders, sehr geehrter Herr Heubner, dem Internationalen Auschwitz Komitee, das nicht nur die Gedenkstättenarbeit der Auszubildenden von Anfang an fachlich und pädagogisch begleitet, sondern auch die heute beginnende Ausstellung „Was in Erinnerung bleibt…“ konzipiert und vorbereitet hat.
Mit Texten, Bildern und Erinnerungsstücken, den Spuren der Gefangenen und den dokumentierten Gesprächen der Überlebenden mit jungen Menschen ruft die Ausstellung die unmenschlichen Bedingungen des Lagers wieder in unser Gedächtnis. Darunter finden wir auch die beeindruckenden Dokumentationen von Herrn Marian Turski, ein Überlebender des Lagers Auschwitz und ein bekannter polnischer Journalist der Nachkriegszeit. Herr Turski, der heute unter uns ist und zu uns sprechen wird, kann uns als Zeitzeuge die Hinterlassenschaften der Toten und die Erinnerungen der Überlebenden am eindringlichsten vermitteln. Zu den Ausstellungsstücken, die für sich sprechen, gehören auch die heute zum ersten Mal öffentlich gezeigten Zeichnungen eines unbekannten Häftlings aus dem Vernichtungslager Birkenau. Die Zeichnungen, die in einer Flasche versteckt waren, schildern den Lageralltag und legen auf diese Weise Zeugnis ab von den Bedingungen, unter denen die Häftlinge leben und leiden mussten.
Aber nicht nur der Rückblick auf die Shoah, sondern auch die Weitergabe der Erinnerung an die jungen Leute ist Thema der Ausstellung. Sie schlägt damit eine Brücke von den Toten und Überlebenden des Lagers bis zur heutigen Generation.
Die Wiedergabe der Gespräche der Überlebenden mit den jungen Auszubildenden nimmt einen großen Raum der Ausstellung ein. In den Präsentationen kommen auch die Jugendlichen selbst zu Wort, die ihre Eindrücke während ihrer zweiwöchigen Gedenkstättenarbeit schildern.
Die Ausstellung ist damit ein würdiger Auftakt zum 65. Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz und zum 5. Internationalen Holocaust Gedenktag. Ich freue mich, dass wir Sie, sehr geehrter Herr Heubner, bei ihrer wichtigen Arbeit unterstützen konnten. Das Bundesministerium des Innern wird auch in Zukunft ein verlässlicher Partner des Internationalen Auschwitz Komitees sein.
Eine weitere erfreuliche Nachricht der letzten Wochen möchte ich noch erwähnen. Bund und Länder haben beschlossen, einen wesentlichen Beitrag in Höhe von insgesamt 60 Mio Euro, jeweils 30 Mio Euro der Bund und 30 Mio Euro die Länder, zur finanziellen Unterstützung der Stiftung Auschwitz-Birkenau zu leisten, um im Zusammenwirken mit Polen und weiteren Förderländern die Gedenkstätte vor dem Verfall zu bewahren. Das könnte die Grundlage für die Finanzierung der jährlichen Instandhaltungskosten in Höhe von ca. 5 Millionen Euro sein, die für die Substanzerhaltung der Gedenkstätte nötig sind. Ich freue mich für den Stiftungsrat unter Vorsitz von Herrn Staatssekretär W?adys?aw Bartoszewski, dass hier ein guter Anfang gemacht worden ist.
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