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10. April 2010
Rundbrief Nr. 1

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

mit diesem Brief wollen wir den Versuch aufnehmen, die Mitgliedsorganisationen des Internationalen Auschwitz Komitees in regelmäßigen Abständen über Aktivitäten des IAK zu informieren.

Lassen Sie mich jedoch zuvor darauf hinweisen, wie beeindruckt der Präsident Noach Flug und alle Mitglieder des Präsidiums des IAK immer wieder angesichts der zahlreichen verschiedenen von Ihnen – unseren Mitgliedern – verantworteten Aktivitäten sind.
Hier nehmen die pädagogischen Aktivitäten einen besonderen Rang ein, die auch in Fahrten in die Gedenkstätte Auschwitz ihren Schwerpunkt haben. Unser luxemburgischer Kollege, Marc Schoentgen, war vor wenigen Monaten mit mehr als hundert Schülern und Schülerinnen sowie belgischen Überlebenden des Lagers für einige Tage in der Gedenkstätte und der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz. Als Ergebnis der Reise hat er beeindruckende Statements der Schülerinnen und Schüler zu ihren Eindrücken in der Gedenkstätte und im Gespräch mit den Überlebenden vorgelegt, die in einer späteren Ausstellung des IAK ihre Verwendung finden sollen.

Uwe Hartwig, der neue Vorsitzende der Lagergemeinschaft Auschwitz aus Frankfurt/Main, die von dem österreichischen Überlebenden Hermann Reineck begründet wurde, setzt die Tradition seiner Vorgänger fort und reiste zu einem mehrtägigen Studienaufenthalt mit Multiplikatoren in die Gedenkstätte. Die Lagergemeinschaft arbeitet eng mit ÜberlebendenGruppen in Krakau und im Süden Polens zusammen und hat bei vielen schwierigen organisatorischen und gesundheitlichen Problemen der Überlebenden helfen können.

Mit auf Anregung der Lagergemeinschaft wurde vor kurzem der polnische Vizepräsident des IAK, Kazimierz Albin, durch den deutschen Bundespräsidenten mit einem hohen Orden ausgezeichnet.

Raphaël Esrail, Generalsekretär Union des Déportés d’ Auschwitz und französischer Vizepräsident des IAK und Henri Goldberg, der Vorsitzende Fondation Auschwitz und belgische Vizepräsident des IAK führen ebenfalls alljährlich Reisen mit Lehrern in die Gedenkstätte durch, die sie persönlich – gemeinsam mit anderen Überlebenden – begleiten: So ist über die Jahre in Frankreich und Belgien eine pädagogische Tradition entstanden, die der pädagogischen und politischen Debatte über den Holocaust und dessen Ursachen und Folgen im Leben der jeweiligen Schulen einen hohen Stellenwert zuweist.

In diesem Zusammenhang gestatte ich mir, liebe Freunde, Sie auch auf den Abschluss des vor allem von Raphaël Esrail initiierten Projektes „Memoire Demain“ hinzuweisen, das von unseren französischen Kolleginnen und Kollegen über Jahre mit großer Leidenschaft und Konsequenz verfolgt worden ist: Das Ergebnis liegt uns in französischer und englischer – und bald auch in deutscher – Sprache vor: Es handelt sich um auf Video und DVD aufgezeichnete Aussagen von Überlebenden am authentischen Tatort in Auschwitz sowie nachgebildete visuell dargestellte Modelle der Mordrealitäten im Lager. Schüler und Studenten, sowie andere Interessierte können sich so anhand von Lebenswegen einzelner Häftlinge oder von Themennachfragen wie zum Beispiel „Hunger in Auschwitz“ auf einen Besuch der Gedenkstätte vorbereiten, oder einen Aufenthalt in Auschwitz-Birkenau selbst so inhaltlich untermauern. Diese DVD ist besonders für die „Zeit nach den Zeitzeugen“ von hohem Wert.


27. Januar – Tag der Befreiung von Auschwitz: „Internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust“

Wir sind froh, Ihnen ebenfalls mitteilen zu können, dass mittlerweile der 27. Januar als Tag der Befreiung von Auschwitz und als von den Vereinten Nationen beschlossenen „Internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust“ weltweit begangen wird.

Nachrichten hierzu erreichten uns aus Slowenien, wo Überlebende gemeinsam mit hohen Repräsentanten des Staates alljährlich zu einer Gedenkfeierlichkeit in Ljubljana zusammen kommen. In der Tschechischen Republik hat es der Senat zu seinem Anliegen gemacht, diesen Tag als Gastgeber gemeinsam mit Organisationen der Verfolgten im Wallenstein-Palais in Prag zu gestalten. Seit zwei Jahren werden auch Schulklassen und junge Menschen zu dieser beeindruckenden Veranstaltung geladen, bei der in diesem Jahr der tschechische Vizepräsident des IAK, Prof. Felix Kolmer, eine der zentralen Reden gehalten hat.

Ebenso beeindruckend war in diesem Jahr die Gedenkfeier im Pariser Rathaus gestaltet, zu der der Bürgermeister der französischen Hauptstadt, Bertrand Delanoë, geladen hatte und die von Raphaël Esrail vorbereitet worden war: Es sprachen unter anderen Simone Veil, die vor kurzem in die Academie Francaise aufgenommene, französische und jüdische Überlebende, und der Minister, Hubert Falco.

In Berlin lädt alljährlich der deutsche Bundestag zu einer Gedenkveranstaltung am 27. Januar ein, bei der Überlebende oder Verfolgte des Holocaust als Gastredner eingeladen werden. In diesem Jahr sprach im Bundestag der polnische Historiker und ehemalige Direktor des Warschauer jüdisch-historischen Institutes, Prof. Feliks Tych. Der 65. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz war in Deutschland verbunden mit einem Staatsbesuch des israelischen Präsidenten Shimon Peres, der ebenfalls am 27. Januar im Deutschen Bundestag sprach. Präsident Peres hatte Noach Flug, den Präsidenten des IAK gebeten, ihn mit einer Gruppe von Holocaust-Überlebenden aus Israel zu diesem Staatsbesuch zu begleiten.

Während seines Aufenthaltes in Berlin traf Noach Flug gemeinsam mit anderen Überlebenden und Auszubildenden der Volkswagen AG auch mit Bundeskanzlerin Merkel zusammen: Die Bundeskanzlerin dankte allen Überlebenden für die zahlreichen Gespräche, die sie als Zeitzeugen mit Jugendlichen über viele Jahre hinweg geführt haben. Ebenso dankte sie den jungen Deutschen und Polen von der Volkswagen AG, die sich bei einem zweiwöchigen Aufenthalt in der Gedenkstätte Auschwitz für die Erhaltung der Gedenkstätte eingesetzt hatten: In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Auschwitz Komitee führt Volkswagen dieses Projekt vier mal jährlich für je zwei Wochen seit nunmehr 20 Jahren durch: Auch hier ist mittlerweile eine Tradition im Unternehmen VW und in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau entstanden, die jetzt auch von jungen Managern und Meistern von Volkswagen bei 4-tägigen Seminaren in Oswiecim/Auschwitz fortgesetzt wird.


To B remembered!

Aus Anlass des 65. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz hatte, liebe Freunde, das Internationale Auschwitz Komitee eine besondere Geste der öffentlichen Wirksamkeit vorgenommen:
Sicher haben Sie alle mit Schrecken den Diebstahl des Schildes „Arbeit macht frei“ im vergangenen Jahr verfolgt. Die Spuren des Diebstahls weisen nach Großbritannien, Schweden und Polen. Ein rechtsextremer Hintergrund bei den Anstiftern der Tat ist wahrscheinlich: Wir alle sind froh, dass die Täter von der polnischen Polizei schnell gefasst wurden und teilweise schon vor Gericht gestanden haben: Auf diese Weise kam der weltbekannte Schriftzug nochmals zu öffentlicher, weltweiter Aufmerksamkeit. Und ebenso sicher werden einige von Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, wissen, dass die Häftlinge, die auf Befehl der SS das Schild in der Lagerschlosserei zusammenschweißen mussten, das „B“ im Wort „Arbeit“ bewusst auf den Kopf gestellt haben: Als Zeichen der Selbstbehauptung und der Missachtung der SS gegenüber: Der polnische Überlebende Tadeusz Szymanski – er verstarb 2002 – hat hierüber in vielen Gesprächen berichtet. Diesen Hintergrund hat nun das IAK aufgenommen und zum 65. Jahrestag auf Vorschlag von Michèle Déodat, einer französischen Freundin der IAK-Arbeit, das „B“ als „Gabe der Erinnerung“, die allein dem Menschen gegeben ist, gestaltet: Sie sehen die kleine Statue in diesem Brief in einer Abbildung.

Das erste Exemplar übergab der Präsident des IAK, Noach Flug, bei oben erwähntem Gespräch am 26. Januar Bundeskanzlerin Merkel, das zweite Exemplar wurde von ihm und Christoph Heubner am Abend des 27. Januar in Berlin an Präsident Shimon Peres übergeben: Die Statue, als „Gabe der Erinnerung“ und das symbolische „B“ werden die Arbeit des IAK auf seinen weiteren Weg begleiten: To B remembered!

Auch zum 65. Jahrestag hat das IAK in bewährter Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin eine neue Ausstellung mit dem Titel „Was in Erinnerung bleibt“ konzipiert, die am 21. Januar durch den polnisch-jüdischen Überlebenden, Marian Turski, eröffnet wurde und bis zum Juli in Berlin zu sehen sein wird.

Eine junge deutsche Besucherin der Ausstellung hat im Gästebuch notiert:

„Diese Ausstellung hat mich mehr als nur berührt. Sie hat mich gefangen und wird eine lange Zeit nachwirken. Einige Plakate, Bilder und Texte. Zwei Räume. Dies genügt, um mich einzufangen, um meine Selbstbeherrschung auf eine harte Probe zu stellen. Insbesondere die Bilder. Das Blut, rötlich gemalt, auf einem der letzten Bilder, in Form eines Herzens. Unser Herz müssen wir uns erhalten, unser Mitleid darf nie enden. Das verspreche ich als „Nachfolgerin“ im Gedenken an die Opfer des Holocaust.“

Vor wenigen Tagen schlug Roman Kent, Präsident der American Gathering/Federation of Jewish Holocaust Survivors und amerikanischer Vizepräsident des IAK bei einer Begehung der Ausstellung vor, diese im Januar 2011 bei den Vereinten Nationen in New York zu zeigen. Wir werden daran arbeiten.

Die Vorbereitung zum 65. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz hatte für das Präsidium des IAK im übrigen seinen Anfang bei einem internationalen Symposium in Moskau im Oktober 2009 genommen, das von unserem russischen Vizepräsidenten, Prof. Yefim Gologorskiy, mit Unterstützung der Moskauer Stadtverwaltung organisiert worden war: Eine wichtige Veranstaltung, die Gelegenheit bot, nochmals darauf hinzuweisen, welche Hoffnung die Häftlinge in Auschwitz auf die Rote Armee als die einzig möglichen Befreier setzten und welchen Leiden auch sowjetische Kriegsgefangene im Lager Auschwitz Birkenau ausgesetzt waren.


Stiftung für den Erhalt der Gedenkstätte

Lassen Sie mich zum Abschluss, sehr geehrte Damen und Herren, noch einige wichtige Informationen zur Situation in der Gedenkstätte hinzufügen:

Auf Initiative von Prof. Wladyslaw Bartoszewski, dem polnischen Überlebenden von Auschwitz und heutigen Vorsitzenden des Internationalen Auschwitz Rates, der von der polnischen Regierung berufen wird und diese in allen Belangen, die die Gedenkstätte Auschwitz betreffen berät und des Direktors der Gedenkstätte, Piotr Cywinski, wurde eine Stiftung begründet, um bei Regierungen in aller Welt um finanzielle Unterstützung für den bedrohten Erhalt der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zu werben. Aus dem Zinserlös des Stiftungskapitals könnte dann die kontinuierliche Sanierung und Erhaltung der Gedenkstätte finanziell gestaltet werden. Präsident Noach Flug ist im Vorstand der neu gegründeten Stiftung vertreten. In dem bereits oben erwähnten Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel am 26. Januar in Berlin bestätigte die Kanzlerin gegenüber Noach Flug und Christoph Heubner, dass sich die Bundesregierung mit 60 Millionen Euro an dieser Stiftung beteiligen wird. Andere europäische Regierungen haben ebenfalls Zusagen übergeben. Dies stimmt uns gemeinsam mit der Direktion der Gedenkstätte zuversichtlich.

Des Weiteren arbeitet derzeit eine internationale Expertenkommission an der Konzeption einer neuen zentralen Ausstellung in der Gedenkstätte. Dem IAK ist es besonders wichtig, dass hier Überlebende beteiligt sind: Noach Flug und Marian Turski sind Mitglieder dieser Kommission. Christoph Heubner, als Exekutiv-Vizepräsident des IAK, ist ebenfalls an deren Arbeit beteiligt.

Von zentraler Bedeutung ist darüber hinaus die weitere Entwicklung eines eigenen „Bildungsinstitutes“ der Gedenkstätte, die von Vize-Direktorin, Krystyna Oleksy, geleitet wird.
Das ehemalige „Theatergebäude“ soll perspektivisch zu diesem Zweck umgebaut werden: Gemeinsam mit der Gedenkstätte sucht das IAK nach finanziellen Sponsoren für dieses Projekt.

Viele der nationalen Ausstellungen im Stammlager Auschwitz sind in den zurückliegenden Jahren neu gestaltet worden: Zurzeit wird in Österreich unter Beteiligung unserer österreichischen Mitgliedsorganisation über die Konzeption einer neuen österreichischen Ausstellung diskutiert.
Eine griechische Ausstellung ist auf Anregung von griechischen Überlebenden und Angehörigen der 2. Generation in Vorbereitung.

Vieles, vieles ließe sich, verehrte Freunde, diesem ersten Rundbrief noch hinzufügen: Beispielsweise die Ergebnisse der Prager Konferenz, die in der Theresienstädter Erklärung und der Begründung des „Tereszin-Institutes“ mündeten, wie auch über das Engagement des IAK in der Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Rememberance and Research – aber hierzu werden wir Sie in unserem nächsten Rundbrief informieren: Viele der hier erwähnten Themen finden Sie – detaillierter – auch auf den Seiten des IAK im Internet: www.auschwitz.info.
Wir laden Sie herzlich ein, uns zu besuchen.

Abschließend freue ich mich, Sie darüber informieren zu können, dass wir im Herbst dieses Jahres zu einer Leitungssitzung nach Berlin einladen werden. Wegen genauerer Terminvorschläge hören Sie von uns Ende Mai.

Wir freuen uns auf Ihre Nachrichten und Informationen – per Brief, per e-mail, oder per Telefon.

Mit Dank für Ihr Interesse und herzlichen Grüßen aus Berlin auch im Namen des Präsidenten und allen Mitgliedern des Präsidiums.

 

Ihr Christoph Heubner


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