Pläne für die neue Ausstellung in Auschwitz:
Konzept von Dr. Barbara Distel
Auschwitz ist heute weltweit zum Mythos des Schreckens und Synonym für ein Menschheitsverbrechen geworden, die konkrete Geschichte des nationalsozialistischen Lagerkomplexes der Jahre 1940–1945 steht oftmals nicht mehr im Zentrum des Interesses der globalisierten Mediengesellschaft.
Auch aus diesem Grund ist es eine ungeheuer schwierige Aufgabe, mehr als fünfzig Jahre nach Errichtung der ersten großen Hauptausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau eine neue, dem heutigen Forschungs- und Wissensstand angemessene Hauptausstellung zu schaffen, die mehr als einer Million Besucher, die jedes Jahr diesen Ort besuchen, gerecht werden kann. An den zum „Weltkulturerbe“ deklarierten Erinnerungsort Auschwitz-Birkenau richten sich inzwischen vielfältige Erwartungen, die aus der Sicht einzelner Interessengruppen oftmals mit unterschiedlichen Zielvorstellungen formuliert werden. Staatliche Erinnerungspolitik wird in allen Ländern durch nationale Geschichtsbilder bestimmt, Geschichtsnarrative in Polen unterscheiden sich von denen in den USA, Israel, Deutschland oder Russland.
Die Überlebenden von Auschwitz haben nach ihrer Befreiung über die ganze Welt verstreut gelebt und Zeugnis abgelegt um die Erinnerung an das Vernichtungslager aufrechtzuerhalten. Die in Polen lebenden ehemaligen Häftlinge haben bald nach der Befreiung die Lagergelände Auschwitz-Stammlager und Auschwitz-Birkenau gesichert und dafür gesorgt, dass der polnische Staat diese bereits im Juli 1947 als staatliche Gedenkstätte etablierte. Die kommunistischen Regierungen Polens haben in den darauf folgenden Jahrzehnten die Gedenkstätte Auschwitz als wichtigsten nationalen Gedenkort unterhalten. Dank der Arbeit des im Jahr 1952 gegründeten Internationalen Auschwitz-Komitees war die Gedenkstätte aber immer auch ein internationaler Gedenkort, wovon das Internationale Mahnmal in Birkenau und die nationalen Ausstellungen zeugen.
Selbst nach dem weitgehenden Bruch Polens mit der internationalen jüdischen Gemeinschaft aufgrund der antisemitischen Politik des Jahres 1968 und den dadurch ausgelösten Exodus polnischer Juden aus ihrer Heimat, konnte dank persönlicher Verbindungen nach Israel im Jahr 1968 in Auschwitz eine Ausstellung zur Geschichte der jüdischen Opfer geschaffen werden.
Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland übernahm in den Jahren des Kalten Krieges keine Verantwortung für die Orte der nationalsozialistischen Vernichtung in Polen. Erst in den 1980er Jahren entstanden Kontakte, die zu deutsch-polnischen Projekten mit der Gedenkstätte Auschwitz führten. Sie wurden von deutscher Seite aus durch Einzelpersonen oder Organisationen wie der Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste befördert.
Die politischen Veränderungen des Jahres 1989 haben dann die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in das Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit gerückt. Mit der Schaffung eines Internationalen Rates für die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau unter dem Vorsitz von
Wladyslaw Bartoszewski im Jahr 1990 erhielten die Überlebenden eine wichtige Stimme in der Auseinandersetzung um zukünftige Konzepte und Gestaltung der Gedenkstätte. In den darauf folgenden Jahren zeigte sich, wie unterschiedlich die Vorstellungen waren und wie langsam die Verwirklichung einzelner Projekte vorangebracht werden konnte.
Heute, zwei Jahrzehnte später kann die Gedenkstätte jedoch mit Stolz auf das Geleistete zurückblicken. Wichtige Vorhaben zur Sicherung der Gebäude und Artefakte in Auschwitz-Stammlager und der baulichen Überreste in Auschwitz Birkenau konnten realisiert werden. In Birkenau wurde darüber hinaus ein System von Informationstafeln errichtet. In der ehemaligen Sauna entstand eine bewegende Ausstellung, die alte „Judenrampe“ wurde wieder erkennbar gemacht und Teil des Gedenkareals. Dank internationaler Unterstützung konnte die Bildungsabteilung ausgebaut werden.
Als großes Projekt bleibt nun die Erarbeitung der neuen Hauptausstellung. Neben der Schwierigkeit einen Konsens generell über die Themenschwerpunkte zu finden, besteht das größte Problem in der Aufgabe, den Völkermord an den europäischen Juden, der in Auschwitz II (Birkenau) begangen wurde, in einer Ausstellung in Auschwitz I (Stammlager) darzustellen.
Das im November 2009 vorgelegte Konzept für die neue Ausstellung sieht drei Abteilungen vor:
- Die Institution des Lagers Auschwitz-Birkenau. Dort soll die Errichtung, der Ausbau, Strukturen und Funktionen des Lagers dargestellt werden.
Dabei sollte berücksichtigt werden, dass Besucher ohne Vorwissen durch eine trockene Strukturgeschichte nicht unmittelbar angesprochen werden. Aus der Erfahrung an vielen Gedenkstätten, die in den letzten zwei Jahrzehnten neue Hauptausstellungen geschaffen haben, weiß man, dass bei jugendlichen Besuchern vor allem über individuelle Schicksale Interesse an dem Thema geweckt werden kann. Vielleicht kann man die Darstellung der Errichtung des Lagers mit dem Schicksal der ersten Häftlinge verbinden.
- Die Ermordung der Juden Europas
- Das Leben der Häftlinge
Die Geschichte der Abteilungen zwei und drei überschneiden sich in einigen Themenbereichen. In Abteilung 2 muss das einmalige Verbrechen der fabrikmäßigen Ermordung der Juden Europas dargestellt werden. Es muss aber auch das Schicksal der jüdischen Häftlinge, die zur Arbeit „selektiert“ wurden und ihre weitere Geschichte (Transporte, Todesmärsche) thematisiert werden. Auch die Geschichte des Widerstands in Auschwitz kann nicht nur in Abteilung 3 abgehandelt werden.
Als wichtige Themen fehlen bisher die Geschichte der Außenlager, der Evakuierung, der Befreiung und der Nachkriegsgeschichte.
Es ist vorgesehen, dass Möglichkeiten zum vertiefenden Studium für Arbeitsgruppen geschaffen werden sollen, wo diese Themen behandelt werden. Das scheint jedoch angesichts der Bedeutung dieser Themen für die Lagergeschichte nicht ausreichend.
Abschließend soll noch einmal auf die Bedeutung der Zeugnisse der Überlebenden für das inzwischen gesammelte Wissen über das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verwiesen werden. Vielleicht ist es doch möglich, im Rahmen der Ausstellung einen Ort zu schaffen, an dem die Besucher Film- oder Tonaufnahmen mit persönlichen Berichte Auschwitz-Überlebender hören und sehen können.
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