
Szenebild aus "Cheyenne"

Szene aus "Sahras Schlüssel"
4. Januar 2012
Sarahs Schlüssel und Cheyennes Suche:
Stolpersteine für unsere Köpfe
Von Bernd Oertwig
"Wenn man eine Geschichte nicht erzählt, wird sie irgendwann vergessen." Das ist der wichtigste Satz in "Sarahs Schlüssel". Er macht den Kinobesucher gleich am Anfang hellhörig und sensibel.
Paris im Sommer 1942. Französische Polizisten verhafteten am 16. und 17. Juli jüdische Landsleute und jüdische Ausländer, trieben sie im Pariser Velodrom zusammen. Tagelang wurden 13.000 Kinder, Frauen und Männer in der Radrennbahn zusammengepfercht. Fast ohne Essen. Fast ohne Getränke. Ohne ärztliche Hilfe. Und ohne Möglichkeit, die Notdurft unbeobachtet zu verrichten. Ein Horror für die Eingeschlossenen.
Ein Horror auch für Frankreich, das Jahrzehnte brauchte, sich die Kollaboration mit den Nazi-Besatzern einzugestehen. Der Ort, das Radstadion Vélodrome d'Hiver, wurde 1959 abgerissen. Heute stehen Wohnblocks an dieser Stelle. Erst seit 1994 erinnert eine Gedenkplatte an die Judenverfolgung. Es brauchte noch ein weiteres Jahr, ehe sich Jacques Chirac öffentlich für sein Volk und für die Razzia des Juli 1942 entschuldigte.
Regisseur Gilles Paquet-Brenner erzählt die Geschichte der zehnjährigen Sarah nach der Roman-Vorlage von Tatiana de Rosnay. Sarah versteckt ihren kleinen Bruder Michel in einer ausweglosen Kammer mit Tapetentür vor Pariser Polizisten, ehe sie mit Vater und Mutter ins Velodrom verschleppt wird. Sarah schärft dem kleinen Bruder ein, sich ruhig zu verhalten. Den Schlüssel zum Verschlag nimmt sie mit. Sie will den Jungen schnell wieder befreien.
Sarah kann fliehen, während ihre Eltern nach Auschwitz deportiert werden. Sie wächst bei einem Bauern und seiner Frau auf. Eines Tages, sie ist ein fast erwachsenes Mädchen, verschwindet sie, lässt jahrelang nichts von sich hören. Irgendwann kommt ein Umschlag mit einer Hochzeitskarte aus Amerika. Ohne Brief, ohne Anmerkungen, ohne Gruß.
Sarah wird Mutter eines Sohnes und könnte glücklich sein. Sie ist es nicht, sie kann es nicht werden. Ihre Chance auf Glück zerbrach im Juli 1942. Eine schöne junge Frau – und eine tieftraurige junge Frau. Ihr Sohn ist sechs Jahre alt, da geht Sarah ein letztes Mal ans Meer. Dann rast sie mit ihrem Auto frontal in einen Truck.
Das ist die eine der beiden Zeit-Ebenen im Film. Die andere spielt im Hier und Jetzt. Eine in Amerika geborene Journalistin recherchiert Sarahs Geschichte und die Geschichte der Wohnung. Die Journalistin trifft in Amerika Sarahs Sohn. Der Mann hat keine Ahnung, was seiner Mutter widerfahren ist. Er will es auch nicht wissen. Bis ihm sein todkranker Vater, Sarahs Mann, übergibt, was Sarah hinterließ. Briefe, Zeichnungen. Und den Schlüssel.
Ein großartiger Film mit leisen und eindringlichen Bildern. Mit einer exzellenten Kristin Scott Thomas in der Hauptrolle und einer berührenden Mélusine Mayance als Kind-Sarah.
Vor vielen Häusern in deutschen Städten liegen Stolpersteine aus Messing. Mit den Namen und den Lebensdaten jüdischer Mitbürger, die aus ihren Wohnungen vertrieben wurden und in Konzentrationslagern umkamen. Die Mieter, die ihnen unmittelbar folgten, wussten meistens, was geschehen war und warum die Wohnungen frei waren. Die wenigsten hatten Probleme damit. Den Menschen nachgedacht hat kaum jemand. Kein Entsetzen, kein Mitgefühl erreichte die Herzen.
Geschichten wie "Sarahs Schlüssel" sind Stolpersteine für den Kopf. Für unser Gewissen. Sie können Vergessen verhindern. Sie sind Schutzschilde gegen die Gleichgültigkeit und die bräsige Gemütlichkeit, in der wir uns nach Jahrzehnten eingerichtet haben. Jahre, in denen der Antisemitismus nie vollständig verschwand. Die jüngsten Ereignisse um die Mörder-Bande mit nationalsozialistischem Gedankengut zeigen: Der der menschenverachtende Hass lauert in unserem Land nach wie vor.
"Cheyenne – This must be the place"
Ganz anders, schriller, bunter, ein anderer Film, in dem Nazi-Gräuel thematisiert werden: "Cheyenne – This must be the place". Sean Penn spielt den Alt-Rocker "Cheyenne", aufgebrezelt mit Kajalstrichen um die Augen und knallroten Lippen, auf dem Kopf die schrägste New-Wave-Mähne seit Robert Smith von The Cure, gemixt mit bizarrem Ozzie Osborne-Outfit. Cheyenne schleppt sich durch die Szenen, als würde ihm ständig jeder Knochen im Leib Schmerzen bereiten. Dazu die Fistel-Stimme eines Ex-Drogies, der heute nur noch Säfte trinkt, immer aus Flaschen und immer mit Strohhalm. Seine höchste Gefühlsregung: Er pustet sich das toupierte Haar aus dem Gesicht. Aber nur, wenn ihm wirklich etwas gegen den Strich geht.
Cheyenne muss von seinem Schloss in Irland nach New York. Sein Vater, den er 30 Jahre nicht gesehen hat, liegt im Sterben. Cheyenne kommt zu spät, weil er Angst vorm Fliegen hat und mit dem Schiff fährt. Er setzt sich ans Bett seines toten Vaters und starrt auf dessen Auschwitz-Tätowierung am Unterarm. 212603 ist die Nummer. Der Vater verbrachte sein Leben damit, den KZ-Wächter Alois Lange zu suchen, der ihn im Lager quälte und demütigte, der nach Amerika auswanderte und den der Vater nie fand.
Cheyenne macht sich auf die Suche nach dem Nazi-Schergen. Ein Road-Trip durch amerikanisches Hinterland, auf dem er seltsame Leute trifft. Eine alte Lehrerin, die ihn höflich fragt, ob er sie vielleicht umbringen will. Einen Dicken im Batman-Kostüm, der spätabends durch eine Kleinstadt-Idylle tänzelt. Einen Typen mit Hitler-Bärtchen, der auf einem Lastwagen steht und durchs Bild rollt.
Eine gewagte Kurve: Alt-Rocker und Holocaust-Aufarbeitung. Regisseur Paolo Sorrentino – Jahrgang 1970 – liefert seine Begründung: "Der Tragödie aller Tragödien, dem Holocaust, die Welt der Popmusik gegenüber zu stellen, den Inbegriff des Aufgeblasenen, Oberflächlichen und Frivolen, schien mir eine Kombination, die so gefährlich und gewagt ist, dass sich daraus eine interessante Geschichte entwickeln lässt. Eine Geschichte ist es nur dann wert, erzählt zu werden, wenn die Gefahr besteht, dass man sie in den Sand setzt, dass man daran scheitert."
Am Ende findet Cheyenne den Auschwitz-Aufseher, der nichts bereut. Er lachte damals im Lager, als sich Cheyennes Vater vor Angst in die Hose machte. Damit nahm er ihm alle Würde. Und versteht immer noch nicht, wie furchtbar sein Gelächter war. Cheyenne hat einen riesigen Revolver bei sich. Er drückt nicht ab. Er lässt den Nazi-Schergen alt, faltig und nackt im eisigen Schnee stehen. Er lässt ihn zitternd und frierend zurück. Gedemütigt bis auf die alten Knochen und seiner Würde beraubt. Jener Würde, die er als Aufseher in Auschwitz Cheyennes Vater genommen hatte. Und die Cheyenne behält. Weil er nicht abdrückt.
Zwei Filme, ein Thema: Die NS-Zeit und ihre Folgen, die hineinreichen bis in unsere Tage. Herunter gebrochen auf Einzelschicksale, fokussiert wie unter einem Mikroskop. Und damit erschreckend deutlich. Die Erinnerung an das grausame System und das Andenken an die Qualen der Opfer dürfen nicht durch Zeitläufte verblassen. Deshalb werden Filme und Bücher zu diesem Thema immer wichtiger werden. Stolpersteine für unsere Köpfe.
Wenn man eine Geschichte nicht erzählt, wird sie irgendwann vergessen.
Mehr Informationen:
www.cheyenne-derfilm.de
www.sarahsschluessel-film.de
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