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Pressemitteilung vom
20. Oktober 2010

Schutz im „Glashaus“
Widerstands- und Rettungsaktionen ungarischer Zionistinnen 1944/45

Interviews in Israel
mit Überlebenden Frauen der ungarischen zionistischen Widerstandsbewegung

Ein ungarisch-deutsches Kooperationsprojekt
von Dr. Katalin Pécsi-Pollner (Budapest), dem Holocaust Gedenkzentrum Budapest, dem Internationalen Auschwitz Komitee (Berlin) und der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Berlin)

Katalin Pécsi-Pollner, der Leiterin der alternativ-pädagogischen und kulturellen Abteilung des Holocaust Gedenkzentrums Budapest, ist es gelungen, im August und September 2010 in Israel mit 54 aus Ungarn stammenden Zeitzeuginnen zu sprechen, die 1944/45 an der Rettung jüdischer Kinder und Erwachsener im besetzten Budapest beteiligt waren. Viele der interviewten Frauen waren zum ersten Mal bereit, ihr Schweigen zu brechen. In den lebensgeschichtlichen Interviews berichten sie von ihrem Verfolgungsschicksal im Nationalsozialismus und über ihre Beteiligung an den vielfältigen Widerstands- und Rettungsaktionen im Budapester „Glashaus“. Sie erzählen, wie sie selbst den NS-Terror überleben konnten und wie in Palästina oder später in Israel ein neues Leben für sie begann. So konnte durch die gefilmten Gespräche mit den hoch betagten Zeitzeuginnen ein wichtiger Teil der europäischen Geschichte für die Nachwelt bewahrt werden.

1944/45 leisteten zahlreiche zionistische Organisationen im besetzten Budapest Widerstand gegen die Verfolgung ihrer jüdischen Mitmenschen und gegen ihre Deportation in die nationalsozialistischen Vernichtungslager. Diesem mutigen Kampf gegen den NS-Terror schlossen sich vor allem auch zionistische Jugendbewegungen an. Den Jugendlichen gelang es, ohne Leitung und völlig auf sich allein gestellt im so genannten „Glashaus“ (Üvegház) um den Schweizer Vizekonsul Carl Lutz in der Vadász utca 29 Tausenden von Jüdinnen und Juden das Leben zu retten. Sie übernahmen Kurierdienste oder suchten Verstecke für die gefährdeten Menschen und beschafften Lebensmittel für sie. Vor allem aber verteilten und fälschten sie Ausweispapiere und konnten auf diese Weise unzähligen Bedrohten zur Flucht verhelfen. In den so genannten „Kinderhäusern“ betreuten sie viele der jüdischen Kinder, die ihre Eltern bereits verloren hatten. So konnten sie nicht nur das Leben dieser Kinder erleichtern, sondern viele von ihnen vor dem sicheren Tod bewahren.

Einigen der Jugendlichen und Kinder gelang es, selbst ins Ausland zu fliehen. Oftmals kamen sie erst nach einer langen und entbehrungsreichen Odyssee im ersehnten Palästina an. Andere verließen Ungarn nach der Befreiung vom Nationalsozialismus oder wurden nach dem Verbot der zionistischen Organisationen 1949 gezwungen, das Land zu verlassen. Viele von ihnen wanderten nach Palästina oder später nach Israel aus.

Die jungen Frauen und Männer bewiesen – fast noch selbst als Kinder – großen Mut, Verantwortungsgefühl und Nächstenliebe. Ihr Widerstand und ihre Rettungsaktionen aber fanden lange Zeit weder öffentliches Interesse noch Anerkennung. Während die Geschichte der ungarischen zionistischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus zunehmend besser erforscht ist, wissen wir über die persönlichen Lebensgeschichten dieser jungen Menschen und über ihre mutigen Taten bis heute nur wenig.

Dies gilt vor allem für die jungen Mädchen und Frauen, die die Hälfte der Mitglieder dieser Widerstandsgruppen stellten. Über sie, über ihre Lebenswege, über ihren ganz persönlichen Anteil an den Widerstands- und Rettungsaktionen im „Glashaus“, über die Rollenverteilung und Gleichberechtigung von Frauen und Männern innerhalb der Gruppen, aber auch über das Alltagsleben der jungen Widerstandskämpferinnen, über ihre Ziele, ihre Träume, ihre Wünsche und ihre Zukunftsbilder erfahren wir erstmals aus diesen Interviews.

Das von Frau Dr. Katalin Pécsi-Pollner konzipierte und verantwortete Projekt „Schutz im ‚Glashaus’“ wird seit März 2010 in Kooperation mit dem Holocaust Gedenkzentrum Budapest, dem Internationalen Auschwitz Komitee (Berlin) und der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Berlin) realisiert. Die Ergebnisse dieser berührenden Interviews sollen nun in den Jahren 2010 bis 2012 in gemeinsamer ungarischer und deutscher Verantwortung mit Veranstaltungen, Ausstellungen, Publikationen und pädagogischen Projekten der Kooperationspartner europaweit öffentlich präsentiert werden.

Eine erste gemeinsame Auftaktveranstaltung findet im November 2010 im Holocaust Gedenkzentrum Budapest statt. Für den Januar 2012 ist eine ebenfalls gemeinsam erarbeitete Ausstellung zu diesem Thema in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin, geplant.

Die Erhebung der Interviews in Israel wurde von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gefördert.

Für Rückfragen stehen Ihnen gerne zur Verfügung:

Dr. Katalin Pécsi-Pollner, Holocaust Gedenkzentrum Budapest
Tel. ++36-1-455 3306, pecsi.katalin@hdke.hu

Ute Stiepani, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin
Tel. ++49-(0)30-26 99 50-19/- 00, stiepani@gdw-berlin.de

Christoph Heubner, Internationales Auschwitz Komitee, Berlin
Tel. ++ 49-(0)30-26 39 26 81, christoph.heubner@iak-berlin.de



Irma Biedermann, Kibbutz Kfar Glikson, August 2010 Photo: Projekt Dr. Katalin Pécsi-Pollner, HDKE / Katalin Pécsi-Pollner
Irma Biedermann, Kibbutz Kfar Glikson, August 2010
Photo: Projekt Dr. Katalin Pécsi-Pollner, HDKE / Katalin Pécsi-Pollner

V.l.n.r.: Katalin Pécsi-Pollner, Nomi und David Gur, Ramat Gan/Tel Aviv, August 2010 Photo: Projekt Dr. Katalin Pécsi-Pollner, HDKE / Barbara Janzso
V.l.n.r.: Katalin Pécsi-Pollner, Nomi und David Gur, Ramat Gan/Tel Aviv, August 2010
Photo: Projekt Dr. Katalin Pécsi-Pollner, HDKE / Barbara Janzso

Ora Sipos (2. v.r.) in Israel in den späten 1940er Jahren Photo: Privatbesitz
Ora Sipos (2. v.r.) in Israel in den späten 1940er Jahren
Photo: Privatbesitz

Ora Sipos in Israel in den späten 1940er Jahren Photo: Privatbesitz
Ora Sipos in Israel in den späten 1940er Jahren
Photo: Privatbesitz

 


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