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Artikel im "Neuen Deutschland" Geschwister in AuschwitzVon Ingrid Heinisch Eine neue Ausstellung in Berlin erinnert an das Schicksal ganzer Familien in NS-Konzentrationslagern Kurz vor dem Holocaust-Gedenktag widmet sich eine Ausstellung bedrückenden Thema aus der Nazizeit: Sie erzählt, wie ganze Familien verfolgt, inhaftiert, ausgelöscht wurden. Kazimierz Albin spricht nicht gerne über seine Erlebnisse im Konzentrationslager Auschwitz. Dabei war er einer der ersten Häftlinge, die dorthin gebracht wurden. 17 war er damals. Es war der erste Transport überhaupt – lauter junge Polen, meist Schüler oder Studenten, auf der Flucht ins Ausland oder als Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer verhaftet. Kazimierz Albin bekam die Nummer 118 von später einmal über einer Million Häftlingen. Nummer 116, sein Bruder Mitek, der mit ihm die Flucht versucht hatte, stand vor ihm in der Reihe, dazwischen ein Freund. Kazimierz Albin erlebte die Anfänge von Auschwitz, doch normalerweise antwortet er, wenn er danach gefragt wird: »Lesen Sie mein Buch.« Dennoch kam er zur Eröffnung der Ausstellung »... mein Bruder, meine Schwester ...« in der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Die Ausstellung – gestaltet vom Internationalen Auschwitz Komitee in Kooperation mit der Gedenkstätte sowie Museum und der Jugendbegegnungsstätte aus Auschwitz – zeigt die Erinnerungen von Überlebenden an ihre Familien, besonders an ihre Geschwister. Es sind schmerzliche Erinnerungen, wie die von Albin. Schnell wurde klar, warum er nicht gerne seine Geschichte erzählt, warum er will, dass man sein Buch liest: weil die Erinnerung so unendlich weh tut. Vor allem, wenn es um das Kostbarste geht, was man verlieren kann: die Eltern, Bruder, Schwester. So waren alle Gespräche zu diesem Thema, sagte Christoph Heubner, Vizepräsident des Komitees, in seiner Einführungsrede. Einen Teil der Interviews hat er selbst geführt. »Zerbrechliche, stockende Gespräche waren es, von großer Zartheit, begleitet von Trauer und von Lächeln« – von der Erinnerung daran, welchen Reichtum die Überlebenden einmal hatten mit ihrer Familie und was sie verloren. Kazimierz Albin hatte Glück im Unglück, seine Familie hat überlebt – doch zu welchem Preis? Alle außer dem jüngsten Bruder waren in deutschen Konzentrationslagern. Er selbst verbrachte in Auschwitz fast drei Jahre, gemeinsam mit seinem Bruder Mitek, wenn auch in verschiedenen Kommandos. Albin konnte ihm helfen zu überleben, weil er selbst in der SS-Küche arbeitete, wo er Lebensmittel für Mitek und andere Häftlinge abzweigte. Doch nach drei Jahren hatte er genug: »Ich habe meinen 18., 19. und 20. Geburtstag in Auschwitz erlebt. Das reichte.« Er wagte die Flucht und schloss sich der polnischen Heimatarmee an. Im Untergrund wurde er zum Offizier ausgebildet. Er beschaffte Waffen, nahm an der Liquidierung von Verrätern teil. Seine Flucht, mit dem Bruder abgesprochen, hatte schlimme Folgen: Albins Schwester Stefania und die Mutter wurden von der Gestapo verhaftet. Stefania kam nach ein paar Monaten frei, die Mutter überlebte schwer krank in Ravensbrück. Anders als Kazimierz Albin hatten viele Juden, die später nach Auschwitz kamen, nicht die Möglichkeit, längere Zeit zu überleben, vielleicht sogar zu fliehen. So handeln viele Tafeln in der Ausstellung davon, dass Familien auseinander gerissen wurden und nur einer überlebt hat, der jetzt von den Geschwistern erzählen kann. Oft gibt es nicht einmal ein Foto. Die Schautafeln zeigen auch die Reaktion junger Menschen, die in Auschwitz mit den Bildern von damals konfrontiert worden sind. Stellvertretend für sie berichtete Johanna Kempt, Auszubildende bei VW Wolfsburg, auf der Berliner Veranstaltung von ihrer Reaktion auf den Besuch: »Ich wollte dort hinfahren, weil ich glaubte, dann mehr begreifen zu können. Aber in Auschwitz habe ich gesehen, dass das vollkommen unbegreiflich ist.« Selbst für die Überlebenden war das, was sie erlebt haben, oft unbegreiflich. Kazimierz Albin fand nach dem Krieg seine Familie wieder. Über das, was sie durchgemacht hatten, sprachen sie kaum. Sie wollten studieren, arbeiten, ein normales Leben führen. Erst im Alter spürte er das Bedürfnis, die Naziverbrechen zu bezeugen. So entstand sein Buch »Steckbrieflich gesucht«. Sieben Jahre hat er daran geschrieben. Am Ende der Berliner Veranstaltung las er auf deutsch den Abschnitt vor, der davon handelt, wie seine Familie sich wiedertraf. Er war zutiefst bewegt, jeder im Publikum spürte das. Der Applaus danach ließ den alten Mann beinahe in Tränen ausbrechen.
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