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Roman Kent
© Boris Buchholz


6. September 2011
Gedenkfeier für Noach Flug in der Niedersächsischen Landesvertretung in Berlin

Würdigung für Noach Flug von Romant Kent

 

Liebe Freunde,

heute sind wir zusammengekommen, um des bedeutungsvollen Lebens und der ehrenhaften Taten eines sehr außergewöhnlichen und mutigen Mannes zu gedenken: meines guten Freundes, Noach Flug. Wie kann man dies alles in nur wenigen Minuten beschreiben und angemessen würdigen, einen Mann und eine Beziehung wie die unsere – eine Beziehung, die über ein dreiviertel Jahrhundert währte? Also werde ich wohl auf die alterprobte Devise "weniger ist mehr" zurückgreifen müssen.

Zu allererst möchte ich etwas erklären: in unserer frühen Kindheit, als wir Jungens gemeinsam die Schule in Polen besuchten, wurde er Nonek genannt, nicht Noach, wie man ihn heute nennt. Und deshalb, war er, ist er, und wird er für mich immer Nonek bleiben. Während der Schulzeit verlief unsere anfängliche Beziehung ohne große Ereignisse, aber interessanterweise verstärkten sich unsere Bindungen, als wir in der Enge des Ghettos von Lodz zusammenleben mussten.

In der Ghetto-Umgebung fanden wir Kinder die Zeit und die Energie Pingpong zu spielen. Das Schlagen des kleinen Balls schien ein gemeinsames alltägliches Ventil für uns zu schaffen, eine Möglichkeit, die uns auferlegten Härten zu ertragen: den Nahrungsmangel, die fehlende Heizung und natürlich die ständige Angst vor den Deutschen. Es war gut, dass wir unsere Frustration zum Ausdruck bringen konnten, indem wir diesen kleinen Ball so hart wie nur möglich schlugen. Wir stellten uns vor, der Ball sei der Feind. Aber in Wirklichkeit war er ja unser Freund, denn irgendwie schien diese physische Aktivität uns dabei zu helfen, die extrem widrigen Lebensbedingungen zu verkraften.

Nonek und ich haben unendlich viele Stunden zusammen gespielt und geredet. Wir entwarfen sogar Pläne, um die Probleme der Welt zu lösen und sie zu einem besseren Ort für die gesamte Menschheit werden zu lassen. Schließlich wurden die Bedingungen im Ghetto so unerträglich, so dass wir zu unserem Leidwesen weder Ausgleich noch Trost in unserem regelmäßigen Pingpong-Spiel mehr finden konnten. Das tägliche Leben wurde immer schwieriger zu ertragen, und die Ghettobevölkerung wurde durch Unterernährung, Krankheit und Deportationen dezimiert.

Als das Ghetto liquidiert wurde, wurden wir beide nach Auschwitz abtransportiert. Wir verloren in dieser Zeit den Kontakt zueinander. Aber nach dem Krieg waren wir froh zu erfahren, dass wir beide die entsetzlichen Qualen überlebt hatten. Wir waren überglücklich, dass sich unsere Wege wieder gekreuzt hatten, obwohl ich in die Vereinigten Staaten ausgewandert und Nonek nach Polen zurückgekehrt war. Einige Jahre später entschlossen sich Nonek und seine Frau Dorota nach Israel zu emigrieren.

Unsere Beziehung war wieder aufgelebt, und die kräftige Bindung aus unserer frühen Kindheit wurde Jahr für Jahr immer stärker. Immer wenn wir Israel besuchten, haben meine Frau Hannah und ich Zeit mit Nonek und Dorka verbracht. Wir sind auch oft gemeinsam verreist und haben Urlaubsreisen zusammen unternommen, mehrere Male nach Europa und anderen interesanten Teilen der Welt – zum Beispiel, Ägypten mit einer Bootsfahrt auf dem Nil, und Russland mit einer Bootsfahrt von Moskau nach St. Petersburg.

Zeit und Entfernung spielten nie eine Rolle. Als Nonek in der Schweiz und später in Deutschland als Handelsattaché für die israelische Regierung lebte, stand ein Besuch bei den Flugs immer auf unserem Reiseplan. Wir vier genossen es wirklich, in unendlich vielen Stunden unsere Erinnerungen aus der Vergangenheit auszutauschen und über die Zukunft zu diskutieren.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt jedoch begannen wir, mehr und mehr über die "Gegenwart" nachzudenken, und unsere langjährige Freundschaft wurde noch enger durch unser gemeinsames Ziel, Gerechtigkeit für die Holocaustüberlebenden in aller Welt zu erreichen. Es war diese gemeinsame Verpflichtung, – die Notlage der Überlebenden zu lindern, die, wenn auch unzureichend und viel zu spät, eine noch außergewöhnlichere Bindung zwischen uns schuf. Das Vertrauen, das zwischen uns existierte, überdauerte all die Jahre, bis ans Ende von Noneks Leben.

Ich werde Noneks mutiges Auftreten nie vergessen, als wir dem ersten Vorstandstreffen der Jewish Claims Conference beiwohnten, wo Funktionäre sich vehement dagegen stemmten, Überlebende in dieses maßgebliche Organ mit einzubeziehen, obwohl das Organ in ihrem Namen agierte. Ab diesem Zeitpunkt widmete sich Nonek der lebenslangen Aufgabe, dazu beizutragen, dass hilfsbedürftige Überlebende Entschädigung und Wiedergutmachung erhielten, und dass die Erinnerung an den Holocaust in würdiger Weise bewahrt wird.

In seiner Freizeit erlebte man einen anderen Nonek als den Teilnehmer am Konferenztisch. Er war ein treu sorgender Ehemann und Vater, und seine Liebe für seine Familie war immer deutlich sichtbar. Es machte Spaß zuzusehen, wie genau Dorka seine Arbeit verfolgte, und wie sie sich hinter den Kulissen engagierte. Wenn sie von Zeit zu Zeit anderer Meinung war als Nonek, dann waren es ihre scharfsinnigen, direkten und diskreten Interventionen, die seinen Standpunkt beeinflussten. Es ist wahr: hinter diesem starken Mann stand eine wirklich starke Frau.

Im Laufe der Zeit erhielten Nonek Flug, Marian Turski und ich, die drei überlebenden Klassenkameraden aus der Vorkriegszeit, den Spitznamen "die drei Musketiere". Und im symbolischen Sinne stimmt das auch … wir drei waren die einzigen Übriggebliebenen unserer Schulklasse …. Drei Soldaten, die bereit, willens und fähig waren, für Gerechtigkeit zu kämpfen, wobei Nonek die stärkste Waffe trug. Es ist ironisch, dass wir geografisch getrennt waren: Nonek Flug lebte in Israel, Marian Turski in Polen, und ich in den Vereingten Staaten. Trotzdem dachten und handelten wir wie ein und dieselbe Person. Wir waren tatsächlich "die drei Musketiere".

Aber, seltsamerweise, Noneks Waffe schoss mit Worten statt mit Kugeln. Er war ständig in der vordersten Linie, wenn es darum ging, gegen gierige Anwälte, die jüdischen Organisationen oder jeden anderen anzugehen, der das Streben nach Gerechtigkeit durch Habgier eintrübte. Unerschrocken entblößte er sowohl diejenigen, die ihre Motivation mit persönlichem Ergeiz vermischten, als auch Andere, die zwar vorgaben, im Namen der Gerechtigkeit für die Überlebenden einzutreten, ihren Worten jedoch niemals Taten folgen ließen.

Das Wort "Integrität" wurde geschaffen, um Nonek Flug zu beschreiben. Ihm gebührt sogar noch größeres Lob, denn sein ganzes Leben lang hat er immer im besten Interesse der Holocaust-Überlebenden gehandelt. Er war der eloquenteste, hartnäckigste und unermüdlichste Verfechter für die Bewahrung der Erinnerung an den Holocaust und für die Schaffung von Möglichkeiten hilfsbedürftige Überlebende zu unterstützen. Er war bewusst, dass es einen meistens teuer zu stehen kommt, die Wahrheit auszusprechen. Aber er war bereit, den Preis zu zahlen, was er auch viele Male getan hat. Er war in der Tat ein Musketier … ein Kämpfer mit resoluter Willenskraft, der bereit war, gegen alle und jeden anzutreten, um die Erinerung an den Holocaust am Leben zu halten, und um den Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen.

Und so, mein guter Freund, sage ich dir aus tiefstem Herzen, dass ich dich vermissen werde … Nein, ich kann dir sagen, dass ich dich schon jetzt vermisse. Also, lass mich dir einfach sagen: Schalom Haveri Hayakar, Lhitra'ot Ba'olam Haba. (Farewell dear friend, see you in the world to come.)

Leb wohl mein Freund, wir sehen uns in der Welt, die kommt.

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