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Zwickauer Zeitung vom 23.01.2006

Barmherzigkeit und Grausamkeit lagen nah beieinander

Auschwitz-Überlebender kehrt zum Ort seiner missglückten Flucht am Zwickauer Bahnhof zurück und trägt sich ins Ehrenbuch der Stadt ein

Von Andreas Wohland

Nach 61 Jahren kehrte am Sonnabend der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Raphael Esrail, auf Einladung von Oberbürgermeister Dietmar Vettermann erstmals an jene Stätten zurück, mit denen er überaus schmerzliche Erinnerungen verbindet. Als 19-Jähriger scheiterte auf dem Zwickauer Bahngelände ein Fluchtversuch aus einem Zug, mit dem er und zahllose Leidensgefährten von Auschwitz nach Dachau gebracht wurden.

Viel von der Stadt hatte Raphael Esrail während seines ersten Aufenthaltes vor mehr als 60 Jahren nicht gesehen. Den Bahnhof, ein paar Gleisanlagen, eine Gaststätte. Trotzdem grub sich der Name „Zwickau“ tief in sein Gedächtnis ein. Hier scheiterte sein Fluchtversuch während des Transportes von Auschwitz nach Dachau. Hier musste er erleben, wie sein Freund und Mitflüchtling Ernest von einem SS-Mann kaltblütig erschossen wurde. Aber hier erfuhr Raphael Esrail auch Mitgefühl.

Die barmherzigen Blicke der Kellnerin in einer Gaststätte retteten ihm einst das Leben, glaubt der Mann, der das Vernichtungslager Auschwitz überlebte und heute als Mitglied des Internaionalen Auschwitz-Komitees die Erinnerung an den Völkermord durch die Nazis wach hält („Freie Presse“ vom 19. Januar).

„Jahrelang war es mein größter Wunsch diese Frau zu finden und mich für die menschliche Wärme, die ich in ihren Augen lesen konnte zu bedanken. Es war das erste Mal seit Monaten, dass mir solche Gefühle entgegengebracht wurden“, sagte Esrail im Gespräch mit „Freie Presse“. Zu DDR-Zeiten war es ihm nicht möglich, die Frau zu finden.

Esrails jetziger Besuch in der Robert-Schumann-Stadt kam durch Vermittlung des Geschäftsführenden Vizepräsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, zustande, der am Wochenende ebenfalls der kleinen Delegation angehörte. Heubner und Vettermann hatten sich erstmals vergangenes Jahr während des Empfangs einer Gruppe von VW-Auszubildenden aus Sachsen und Wolfsburg sowie aus dem polnischen Polkowice getroffen. Die jungen Leute hatten zuvor gemeinsam an einem Arbeitseinsatz in der Gedenkstätte des früheren Vernichtungslagers Auschwitz teilgenommen. Auch im Zwickauer Rathaus wurden die Auszubildenden empfangen. Bei diesem Anlass erfuhr Vettermann erstmals vom Schicksal Raphael Esrails und von dessen Bezug zu Zwickau. Mit der vom Oberbürgermeister spontan ausgesprochenen Einladung ging für den Franzosen ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Bedauern sprach aus seinen Worten, als er am Sonnabend erfuhr, dass sich die Kellnerin von damals trotz der Vorabveröffentlichung der damaligen Geschehnisse nicht meldete. „Ich hätte ihr gern aus ganzem Herzen für ihr Mitgefühl gedankt“, sagte er. Die Frau muss damals 20 oder 21 Jahre alt gewesen sein und wäre demnach heute über 80.

Esrails Weg führte ihn aber noch einmal zum Bahnhof sowie an die Stelle, an der der Fluchtversuch aus dem Güterzug, den er gemeinsam mit seinem Freund Ernest unternommen hatte, scheiterte. Während der Freund die Flucht mit dem Leben bezahlte, sei er nur gerettet worden, weil die Kellnerin seine damaligen Bewacher so flehentlich angeschaut hatte, ist sich Esrail sicher. Vom Besuch des Bahnhofs konnten den Gast weder Regen noch Glatteis abhalten. Es waren für alle Beteiligten bewegende Momente. Raphael Esrail fiel es sichtlich schwer, seine Gefühle zu beherrschen. Mehrfach kämpfte er in Anbetracht der Erinnerungen mit den Tränen. Eine ehrliche Ergriffenheit, derer er sich nicht schämte.

So waren auch die Sätze zu verstehen, die er am Sonnabend – sinngemäß ins Deutsche übersetzt – in das Ehrenbuch der Stadt Zwickau schrieb: „Vor 61 Jahren habe ich Zwickau kennen gelernt – in der Not, in der schwarzen Zeit des Nationalsozialismus. Hier in dieser Stadt hat mir eine Frau ein Stück Menschlichkeit gegeben und die Hoffnung warm gehalten. Die Überlebenden der Konzentrationslager haben den Wunsch, dass die jungen Leute davon erfahren und ein friedliches, brüderliches Europa gründen. Danke an die Stadt Zwickau.“


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