Interview mit Kazimierz Albin. Das Gespräch führte die Journalistin Ingrid Heinisch.
– LANGFASSUNG
Nummer 118
Sie waren siebzehn Jahre alt, als der Krieg begann, warum wurden Sie Soldat?
Das war für mich vollkommen selbstverständlich, mein Vater war Soldat, bei den Pfadfindern bekamen wir eine vormilitärische Ausbildung, uns wurden Aufgaben zugeteilt, und in der Schule, im Gymnasium wurden wir in einem patriotischen Geist erzogen.
Wie haben Sie dann den Beginn des Krieges erlebt?
Ich hatte mit meiner Gruppe die Aufgabe drei Brücken zu bewachen und bin ständig mit dem Fahrrad diese drei Posten abgefahren. Wir hatten ein paar alte Gewehre aus dem ersten Weltkrieg bekommen. Und dann hörte ich plötzlich Flugzeuge über uns. Wir schauten hinauf, es waren keine polnischen, sondern deutsche Heinckel. Polnische Flugzeuge habe ich während des gesamten Kriegs nicht gesehen.
Der Krieg war für Sie dann ja sehr schnell vorbei?
Ja, nach zwei Wochen war Krakau besetzt. Wir wollten wieder zur Schule gehen, aber dort erfuhren wir, dass alle höheren Schulen geschlossen worden waren. Ich habe dann gehört, dass sich die polnische Armee in Ungarn neu formiert und sich der französischen Armee anschließen will. Da wollte ich dabei sein. Ich wollte über die Grenze in die Slowakei und weiter nach Ungarn. Dabei hat mich und meinen Bruder die Gestapo geschnappt.
War das ein Zufall?
Nein wir sind verraten worden. Im Gefängnis haben sie uns dann verhört und fürchterlich geschlagen. Ich hatte mir eine Geschichte ausgedacht, dass ich soviel von fremden Ländern gelesen hätte und deshalb versuchen wollte, nach Afrika zu kommen. Aber sie haben mir meine Abenteuerlust nicht abgenommen.
Ja, dann kam das Gefängnis in Nowy Sacz, von dort wurden wir nach Tarnow überstellt, und dann hieß es, wir kommen zur Zwangsarbeit nach Deutschland.
Wie war Ihre Reaktion auf diese Nachricht?
Wir haben uns gefreut. Im Gefängnis war es doch schrecklich langweilig und die Enge, wir hatten keine Bewegung. Mir wäre jede Arbeit Recht gewesen, nur raus aus dieser Enge.
Die SS hat uns dann mit über 900 Mann durch Tarnow zum Bahnhof getrieben. Die Straßen waren menschenleer. Das war ganz schlimm, weil viele von uns doch aus Tarnow stammten und dort Familie hatten. Wenn irgendwo ein Fenster offen stand, haben unsere Bewacher darauf geschossen.
Schließlich haben sie uns in einen Personenzug gesperrt und dann ging es in Richtung Westen, nach Krakau.
Als wir am Bahnhof in Krakau ankamen, herrschte unter den Deutschen übermütige Freudenstimmung. Und dann hörten wir durch den Lautsprecher: „Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt, unsere tapferen Truppen haben heute Paris genommen.“
Wir waren vollkommen demoralisiert. Ja, und dann ging es weiter Richtung Westen hinaus aus dem Generalgouvernement nach Deutschland. Plötzlich hielt der Zug: Auschwitz.
Wussten Sie, was das bedeutete?
Nein, wir wussten ja nicht einmal, was ein Konzentrationslager war.
Unsere Bewacher hatten sich bis dahin ziemlich ruhig verhalten. Aber jetzt begannen sie auf uns einzubrüllen: „Raus, raus!“ und mit den Gewehrkolben auf uns einzuschlagen und drängten uns aus dem Zug. Draußen wurden wir von Männern in komischen Matrosenanzügen empfangen, ebenfalls mit Gebrüll und Schlägen. Sie hatten Anzüge mit blauweißen Streifen und so komische Mützen, deshalb dachten wir, es seien Matrosenanzüge. Aber das waren die deutschen Kapos, Verbrecher. Sie und die SS-Leute haben uns auf den Appellplatz getrieben, immer nur geschrieen und geschlagen. Und dort haben sie uns den ganzen Tag gequält. Wir sollten in Fünferreihen antreten, aber die meisten haben doch kein Deutsch verstanden. Und wenn sie es nicht sofort richtig gemacht haben, dann wurden sie blutig geschlagen.
Ja und dann kam SS-Hauptsturmführer Karl Fritzsch und sagte: „Ihr seid hier nicht ins Sanatorium, sondern in ein deutsches Konzentrationslager gekommen, aus dem es keinen anderen Ausgang gibt, als durch den Schornstein des Krematoriums. Wem das nicht gefällt, der kann sofort in den elektrischen Draht gehen. Sind Juden im Transport dabei, dann haben sie das Recht, höchstens zwei Wochen zu leben, die Priester einen Monat, die übrigen drei Monate.“
Haben Sie verstanden, mit was er da drohte?
Ja natürlich, es wurde doch auf Polnisch übersetzt. Aber ich hatte ja in der Schule Deutsch gelernt. Ich habe mein Todesurteil sozusagen zweimal gehört. So ging es die ganzen nächsten zwei Wochen. Und als wir dann zur Arbeit eingeteilt wurden, wurde es auch nicht besser. Jeden Tag haben die Kapos und die SS Häftlinge ermordet. Wer nicht jung war oder schon von der Haft und Folter geschwächt war, der hatte keine Chance.
Was hat Ihnen geholfen zu überleben?
Mein Deutschlehrer: Ich habe meinem Deutschlehrer das Leben zu verdanken. Dass ich Deutsch konnte, so kam ich in bessere Arbeitskommandos.
Am Ende kam ich in die SS-Küche. Dort hatte ich wirklich viele Möglichkeiten, anderen Häftlingen zu helfen und die Widerstandsbewegung im Lager zu unterstützen.
Aber schließlich sind Sie doch geflohen?
Ja, ich konnte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr eingeschlossen sein. Also habe ich es mit einem Kameraden gewagt. Ich habe mich dann der polnischen Untergrundarmee angeschlossen und weiter gekämpft. Das war auch sehr gefährlich. Aber ich war wenigstens draußen.
Sie sind heute Präsidiumsmitglied des Internationalen Auschwitz Komitees und praktisch täglich mit dem Thema Auschwitz konfrontiert. Warum tun Sie das?
Auschwitz, das verbinden alle zu Recht mit dem Holocaust, mit der Vernichtung der Juden. Aber die Geschichte von Auschwitz ist noch mehr und betrifft noch mehr Menschen. Wir, die ersten Häftlinge, die polnischen Häftlinge, haben alles von Anfang erlebt und wir wollen nicht, dass unsere Geschichte vergessen wird.
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