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Text: Ingrid Heinisch
– LANGFASSUNG –
Das Internationale Auschwitz Komitee teilt mit:
Der siebzigste Jahrestag der Eröffnung des Konzentrationslagers Auschwitz
Am 14. Juni 1940 erreichte der erste Transport politischer polnischer Häftlinge Auschwitz.
Die systematische Ermordung der polnischen Intelligenz begann.
Wir bitten um Veröffentlichung und stellen folgende Informationen zur Verfügung:
Die Polen beklagen derzeit den Verlust eines großen Teils ihrer konservativen Elite. Geschehen ist dies auf dem Anflug nach Smolensk, wo Präsident Kazcynski in Katyn der Ermordung der militärischen Elite Polens durch die Sowjetunion vor siebzig Jahren gedenken wollte. Zur gleichen Zeit vor siebzig Jahren haben auch die Nationalsozialisten die Vernichtung der gesamten polnischen Intelligenz geplant, noch wesentlich konsequenter, systematischer und radikaler. Ausdruck dessen war die Errichtung des Konzentrationslagers Auschwitz, das am 14. Juni 1940 in Betrieb genommen wurde.
Damals erreichte der erste Transport von 728 polnischen politischen Häftlingen das Konzentrationslager von Auschwitz. Zweck dieses neuen Konzentrationslagers war damals nur einer, so der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees Christoph Heubner: „Die Demoralisierung, Terrorisierung und schließlich Vernichtung der polnischen Bevölkerung, vor allem der polnischen Intelligenz. Dies ist ein Teil der Geschichte von Auschwitz, der außerhalb Polens kaum wahrgenommen wird. Das muss sich ändern.“
Im ersten Jahr seines Bestehens waren ausschließlich Polen in Auschwitz inhaftiert. Dann kamen Tschechen und russische Kriegsgefangene hinzu. Noch diente das Lager nicht dem Ziel der Vernichtung der Juden Europas, sein Sinn war Terror und Drohung gegenüber der polnischen Bevölkerung.
Es war ein heiß an diesem ersten Tag von Auschwitz, sengend heiß, wie sich Kazimierz Albin erinnert: „Die Deutschen ließen uns den ganzen Tag Appell stehen. Die Sonne knallte unbarmherzig auf unsere frisch geschorenen Köpfe. Wir alle waren bleich, die meisten von uns hatten doch Monate lang im Gefängnis gesessen und waren kaum an die frische Luft gekommen. Bis zum Abend waren viele total verbrannt und hatten Blasen im Gesicht und auf dem Schädel.“
Kazimierz Albin war damals siebzehn Jahre alt, der jüngste Häftling des Transports. Er war von den Deutschen gefasst worden, als er versuchte über die Grenze in die Slowakei zu kommen, um sich in Ungarn der neu formierenden polnischen Armee anzuschließen. Bei den ersten Verhören war er schrecklich geschlagen und gefoltert worden. Danach konnte er die Enge der Zelle, in der er, der zuvor als Pfadfinder und als Sportler ständig aktiv gewesen war, kaum ertragen.
Alles, so schien es ihm und seinen Mithäftlingen, musste besser sein, als das Gefängnis. Auch die anderen Polen, die mit Albin von Tarnow auf den Transport nach Auschwitz geschickt wurden, hatten Verhöre, Folter und Schläge hinter sich. Die meisten von ihnen waren jung, Studenten oder sogar Gymnasiasten wie Albin, die sich dem polnischen Widerstand angeschlossen oder versucht hatten, zur polnischen Armee in Ungarn zu gelangen. Im Gefängnis von Tarnow hatte sich vor dem Abtransport das Gerücht verbreitet, es ginge zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Darauf freuten sich die Häftlinge. Nun in Auschwitz wurden sie eines Besseren belehrt. An die ersten Worte die der SS-Hauptsturmführer Karl Fritzsch an die Häftlinge richtete, konnte sich jeder von ihnen später erinnern: „Ihr seid hier nicht ins Sanatorium, sondern in ein deutsches Konzentrationslager gekommen, aus dem es keinen anderen Ausgang gibt, als durch den Schornstein des Krematoriums. Wem das nicht gefällt, der kann sofort in den Draht gehen. Sind Juden im Transport dabei, dann haben sie das Recht, höchstens zwei Wochen zu leben, die Priester einen Monat, die übrigen drei Monate.“
Das ganze wurde auf Polnisch übersetzt, damit jeder Häftling verstand, was ihm bevorstand. Kazimierz Albin hatte in der Schule Deutsch gelernt, so hörte er gleich zweimal die Androhung seiner eigenen Ermordung. Sonst gab die SS sich keine Mühe, das was sie auf Deutsch sagten oder brüllten, zu übersetzen. Wer die Befehle nicht sofort verstand, wurde mit Hieben übersät. Auf dem Appellplatz mussten die Häftlinge das Antreten in Fünferreihen üben, danach kam „Sport“ an die Reihe. Aus den Erinnerungen von Kazimierz Albin: „In der zunehmenden Hitze mussten wir im Entengang den Platz entlang watscheln. Wir fielen auf die Nase und massierten kurz die verkrampften Muskeln. Dann sollten wir beim Entengang zur Abwechslung die Hände im Genick verschränken. Die Kapos folgten der Abteilung und halfen „Wehleidigen“ mit Stößen in die Rippen und in den Unterleib, sich wieder zu erheben, um den Marsch fortzusetzen. Ohnmächtige wurden mit Wasser begossen.“
So kam es, dass sich schon am ersten Tag die Voraussage Fritschzes bewahrheitete: Für Alte und Schwache gab es nur noch den Tod als Weg aus dem Lager.
Nach der Mittagspause mussten die Gefangenen ein Lied lernen: „Im Lager Auschwitz war ich zwar.“ Für diejenigen, die kein Deutsch konnten, eine fast unlösbare Aufgabe. Dann folgte wieder Sport: „Die Kapos suchten sich einige Juden unter uns aus, die sie mit solchen Übungen bedachten, dass sie nach kurzer Zeit ohnmächtig und blutüberströmt zur Pumpe geschleift werden mussten.“ Nicht nur die acht Juden, die sich zufällig im ersten Transport befanden, waren besonderes Ziel der Brutalität der Kapos, sondern auch die Geistlichen“, erinnert sich Kazimierz Albin. Die Kapos belustigten sich auch in den nächsten Tagen damit, beide Gruppen gegeneinander auszuspielen. Sie zwangen einen Priester, einen Baum, der in der Mitte des Appellplatzes stand, hinaufzuklettern und einen Juden ihn dabei zu stützen. Das hielten sie wohl für besonders lustig.
Auch in der ersten Nacht kamen die Häftlinge nicht zur Ruhe. Schmerzen, Hunger und Durst quälten sie - und die Bewacher: Aus den Erinnerungen des ehemaligen Häftling Tadeusz Niedzielski: „Die Häscher stürmten in den Saal und begannen uns den „Übungen“ zu unterziehen. Schnell fiel das Kommando „Nieder“, „Auf“, das sich bis ins Endlose wiederholte. Und wir führten es wie dressierte Tiere aus. Es entstand ein unheimlicher Staub, der uns des Atems beraubte. In seinen Ausschweifungen erwies sich Oberscharführer Palitzsch als unübertroffen. Er wütete einfach in dieser Staubwolke. Er jagte uns von Ecke zu Ecke, während er den in seiner Nähe befindlichen Schläge und Fußtritte versetzte.“
Dieser erste Transport war noch nicht direkt im Stammlager von Auschwitz, das gerade für die Häftlinge hergerichtet wurde, aufgenommen worden, sondern direkt davor, in einem so genannten Quarantänelager. Die nächsten zwei Wochen mussten die Häftlinge noch nicht arbeiten, sondern jeden Tag die gleichen Quälereien über sich ergehen lassen. Sie träumten davon, endlich ins Lager zur Arbeit entlassen zu werden. Und als ein zweiter Transport aus Krakau – er bestand aus Professoren und Studenten - direkt ins Lager eingeliefert wurde, erschien das den ersten Häftlingen als himmelschreiende Ungerechtigkeit. Doch als sie nach zwei Wochen Quarantäne endlich in das so genannte Stammlager überstellt wurden, mussten sie feststellen, dass auch dort Arbeit dem für die SS wichtigeren Ziel der Vernichtung der Häftlinge untergeordnet war. Der erste Arbeitstag von Kazimierz Albin sah so aus: „Die Meute der Kapos fiel unter wildem Gebrüll über uns her und trieb uns mit Knüppeln zu einem scharfen Tempo an. Mit voll beladenen Schubkarren, die in den weichen Boden einsanken, musste man mehrere Dutzend Meter weit laufen, und die Kapos und SS-Leute sparten nicht mit Prügeln. Die Schläge, die wie ein Hagelschauer auf die gebeugten Rücken niedergingen, zwangen uns zu übermenschlicher Anstrengung. Die Arme versagten den Dienst, die Holzpantinen verletzten die Füße, aber der Mensch lief mit leerer oder voller Schubkarre, getrieben von Todesangst. Vor dem unmenschlichen Geprügel dieser mordlustigen Bande.“ An diesem ersten Arbeitstag gab es viele Tote. Wer nicht mehr weiter konnte, wurde erschlagen.
Den Häftlingen war klar, dass sie unter diesen Umständen nicht lange durchhalten würden. Was einige von ihnen rettete, war die Tatsache, dass ihre Arbeit mit der Zeit doch immer wichtiger wurde. Ständig kamen neue Transporte und das Lager vergrößerte sich sehr schnell, so dass die Infrastruktur funktionieren musste. Dazu brauchte die SS die Häftlinge. Vor allem wer Deutsch sprach, so wie Kazimierz Albin, hatte die Chance ein gutes Arbeitskommando zu finden. Albin putzte zuerst die Stuben der Kapos, dann kam er in die Schusterwerkstatt und schließlich in die SS-Kantine.
Viele von denen, die die ersten Monate in Auschwitz überlebt hatten, begannen Widerstand im Lager zu organisieren. Widerstand, das bedeutete z.B. Nachrichten von außen hereinzuschmuggeln und nach außen zu verbreiten. In der SS-Küche zweigten Häftlinge wie Kazimierz Albin von jeder Portion für die SS-Männer ein paar Gramm ab und gaben es ins Lager weiter. Solche Widerstandsaktionen waren mit großer Gefahr verbunden. Die Häftlinge riskierten im schlimmsten Fall den Hungertod im Bunker.
Manche Häftlinge riskierten die Flucht, oft um Nachrichten nach draußen zu bringen oder wie Kazmierz Albin in der Heimatarmee weiter zu kämpfen.
Tatsächlich ist es den Nationalsozialisten nie gelungen, den polnischen Widerstand ganz zu brechen, nicht einmal in Auschwitz. Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee zieht deshalb folgendes Fazit: „Die Polen, besonders ihre Intelligenz haben fürchterliche Verluste hinnehmen müssen. Doch besiegt wurden sie nie.“
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