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17.06.2016

Leon Schwarzbaum – Brief an Reinhold Hanning: "Sie werden bis zum Tod mit sich alleine sein."

 
 
Auschwitz-Prozess Detmold

 

 

 

Leon Schwarzbaum, ehemaliger Häftling, Nr. 132624 Konzentrationslager Auschwitz Birkenau, Buchenwald, Haselhorst, Sachsenhausen schrieb an Reinhold Hanning.

Sehr geehrter Herr Hanning,

nicht die irdische Gerechtigkeit sondern die Göttliche wird Sie für die Barbarei richten, die die SS der Menschheit angetan hat. Ihre Kumpanei mit ihren ehemaligen Kameraden wird dann zu Ende sein. Vor Gott werden Sie die Wahrheit sagen müssen, die – die Sie uns hier im Prozess in Detmold vorenthalten haben.

Angesichts der millionenfachen Quälereien und Morde haben Sie uns ein unglaubwürdiges Bild eines relativ unbeteiligten Beobachters geliefert.

Statt die historische Wahrheit für die Menschheit und Nachwelt darzustellen, verstecken sie sich hinter Ausreden, Schweigen und hinter Paragraphen.

Im Prozess saßen Sie und schwiegen – zwar haben Sie sich in Ihrer Erklärung von der SS distanziert, aber aufgrund Ihres gesamten Verhaltens – ist ihre Erklärung für mich nicht glaubwürdig. Für mich ist ihre Aussage ein Lippenbekenntnis, um vor Gericht mildernde Umstände zu erlangen.

Sie haben eine Chance vertan, um mit sich ins Reine zu kommen. Nun müssen Sie bis an Ihr Lebensende in der Dunkelheit Ihres Gewissens leben.

Die SS hat zahlreiche Konzentrationslager in ganz Europa errichtet und eine Mordmaschinerie in Gang gesetzt, wie es sie in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben hat. Wie am Fließband hat diese Maschinerie funktioniert und Sie waren ein Teil dieser tödlichen Arbeitsteilung.

Dafür verfluche ich die SS – deren Teil Sie waren.

Ganze Völker sollten ausgelöscht werden – hatten Sie denn kein Mitleid, wenn Sie sahen, wie kleine Kinder mit ihren Müttern ausgesondert wurden? Sie wußten doch, dass die Menschen in Auschwitz ermordet werden, das haben Sie zugegeben.

Mussten Sie nicht an die Kinder von Auschwitz denken, als Sie Ihre Kinder und Enkel aufwachsen sahen? Am Anfang des Prozesses hier in Detmold habe ich sogar noch Mitleid mit Ihnen gehabt. Sie sind ein alter Mann, so wie ich. Ich habe wirklich geglaubt, dass Sie ein anderer Mensch geworden sind. Daran kann ich nicht mehr glauben, so wie Sie sich hier in dem Verfahren versteckt haben und uns mit Ihrem Schweigen erneut quälen.

Es gibt kein Verzeihen oder gar Vergebung, das könnten nur die Toten tun, denen Sie als Teil der SS das Leben nahmen. Und Tote vergeben nicht. Sie müssen mit dem Fluch des Unausgesprochenen leben bis zu Ihrem Lebensende, dafür bedaure ich Sie.

Es lag an Ihnen, die historische Wahrheit zu sagen, so wie wir Auschwitz-Überlebenden es hier in Detmold getan haben. Das haben Sie nicht getan, obwohl von Seiten des Gerichts so viel Behutsamkeit Ihnen gegenüber gezeigt wurde.

So wie wir als Überlebende bis zum Tod mit den furchtbaren Erinnerungen leben müssen, werden auch Sie bis zum Tod mit sich alleine sein.
 
Leon Schwarzbaum