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Beginn der 15. Generalversammlung des IAK am 29.8.2017: Die Delegation bei der Kranzniederlegung im Stammlager Auschwitz I (© Bernd Oertwig)
Beginn der 15. Generalversammlung des IAK am 29.8.2017: Die Delegation bei der Kranzniederlegung im Stammlager Auschwitz I (© Bernd Oertwig) 

 

15. Generalversammlung des IAK in Oswiecim, 28. – 31. August 2017

Debatte des "Übergangs": Weichen für die Zukunft stellen

Offiziell willkommen geheißen durch eine schriftliche Grußbotschaft des polnischen Staatspräsidenten, Andrzej Duda, hatten sich in Oswiecim zur 15. Generalversammlung des Internationalen Auschwitz Komitees Überlebende des Lagers und Delegierte aus 15 Ländern versammelt.

Auch die Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Frank-Walter Steinmeier, und der Republik Österreich, Alexander Van der Bellen, übermittelten Grußworte ebenso wie der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, der in seinem Schreiben besonders den Überlebenden von Auschwitz dankte: "Ihre Jahre als Überlebende des Holocaust legen Zeugnis ab von Ihrer Stärke, Ihrem Mut und Ihrem Engagement: Sie geben jenen Hoffnung, die heute verfolgt werden und Ihre Stimmen haben immer wieder den weltweiten Imperativ bestärkt, Antisemitismus und andere Arten der Diskriminierung zu bekämpfen, die Schwächsten zu schützen, demokratische Institutionen zu verteidigen und wachsam zu sein angesichts von Völkermord und anderen Verbrechen."

Pamela Appiah, Auszubildende der Volkswagen AG aus Wolfsburg, begleitet den tschechischen Auschwitz-Überlebenden Prof. Felix Kolmer (© Bernd Oertwig)
Pamela Appiah, Auszubildende der Volkswagen AG aus Wolfsburg, begleitet den tschechischen Auschwitz-Überlebenden Prof. Felix Kolmer (© Bernd Oertwig) 

Der Präsident des IAK Roman Kent (New York) begrüßte Auschwitz-Überlebende aus Israel, Ungarn, Polen, Tschechien, Deutschland und den USA sowie Angehörige von Auschwitz Überlebenden und Delegierte aus Israel, Polen, Ungarn, Griechenland, Kanada, Belgien, Frankreich, der Slowakei, Slowenien, Luxemburg, Tschechien, Österreich, Deutschland und Italien.


Bewusst hatte sich das IAK für diese Generalversammlung neben den Berichten aus der Arbeit der Mitgliedsländer eine Debatte des "Übergangs" vorgenommen, die die zukünftigen Schwerpunkte des Engagements des Komitees diskutieren und Weichen für eine Ergänzung des Präsidiums des IAK durch jüngere Mitglieder stellen sollte. Noah Klieger (Israel), Eva Fahidi (Ungarn), Esther Bejarano (Deutschland), Prof. Felix Kolmer (Tschechien) und Marian Turski (Polen) beschrieben in ihren Stellungnahmen und Berichten als Überlebende von Auschwitz ebenso wie Henri Goldberg (Brüssel) nicht nur ihre Erfahrungen aus zahlreichen Gesprächen mit jungen Menschen in der ganzen Welt, sondern vor allem ihre Assoziationen und Überlegungen angesichts des wachsenden Populismus in vielen Ländern, der sich zunehmend in autoritären Bewegungen widerspiegelt und in eine Sprache des Hasses und der Intoleranz mündet. Marian Turski stellte in diesem Zusammenhang die Frage, die alle Überlebenden umtreibt: "Wie lange sind wir noch in der Lage, zu rufen, einzuschreiten und uns gegen Verfälschungen und Hass zu wehren?" Er betonte: "Never more – das meint heute vor allem die Auseinandersetzung um das Denken der Menschen zu führen", und er fügte hinzu: "Es war unsere Aufgabe nach dem Holocaust, nach dem fast vollständigen Verlust unserer Familien und unserer Welt, eine entsetzliche und große Leere zu füllen. Diese Aufgabe – die Leere zu beschreiben und sie mit Analysen und Erinnerungen zu füllen – geht jetzt auf die nächste Generation über."


Dass diese Aufgabe bereits in vielfältiger Form in den verschiedenen Ländern wahrgenommen und entwickelt wird zeigten die Berichte aus den Mitgliedsländern: Pädagogische Initiativen aus Frankreich, Belgien richten sich medial besonders an junge Menschen, Ausstellungskonzepte aus Deutschland, Tschechien, Luxemburg und Griechenland wurden vorgestellt. Auch die Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau wurde in vielen Berichten betont: So plant das Slowenische Komitee noch im Oktober dieses Jahres eine Exkursion in die Gedenkstätte Auschwitz, an der Schüler aus vier Gymnasien auf freiwilliger Basis teilnehmen können und die auch die Auschwitz-Überlebende Sonja Vrscaj begleiten wird.

IAK-Präsident Roman Kent (New York) eröffnet die 15. Generalversammlung (© Bernd Oertwig)
IAK-Präsident Roman Kent (New York) eröffnet die 15. Generalversammlung (© Bernd Oertwig) 

Mit großem Interesse verfolgten die Teilnehmer der Generalversammlung in diesem Zusammenhang den Bericht des stellvertretenden Direktors der Gedenkstätte, Andrzey Kacorzyk, der über das pädagogische Engagement, die wachsenden Besucherzahlen und die Herausforderungen bei den umfassenden Erhaltungsarbeiten vor allem in Birkenau berichtete.


Einen besonderen Akzent setzten auch bei dieser Generalversammlung die jungen Menschen, Auszubildende der Volkswagen AG und polnische Berufsschüler sowie junge Freiwillige aus Deutschland, Österreich und der Ukraine, die die Auschwitz-Überlebenden und Delegierten bei den Gedenkzeremonien in Auschwitz und in Birkenau begleiteten und ihnen beim "Abend der Begegnung" in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte gerne noch länger zugehört hätten.

 
Header UN Secretary General

 

Grußwort vom Generalskeretär der Vereinten Nationen, António Guterres

"You give hope to those who are oppressed today"

I extend warm greetings to the members of the International Auschwitz Committee and Holocaust survivors and their families gathered at the Auschwitz Birkenau German Nazi Concentration and Extermination Camp.

I join you in remembering the millions of loved ones lost during the Holocaust. The lives you have built as Holocaust survivors are testimony to your strength, courage and determination. You give hope to those who are oppressed today, and your voices have highlighted the global imperative to combat anti-Semitism and other forms of discrimination, to protect the most vulnerable, to defend democratic institutions and to be vigilant for the signs of genocide and other crimes.  

As the number of survivors dwindles, the Auschwitz Committee faces the challenge of preserving memory and ensuring that future generations carry forward the torch of remembrance. The United Nations is strongly committed to this effort through its global Holocaust remembrance and education programme -- and through our wide-ranging efforts to uphold human rights and build a future of dignity for all.

In that spirit of solidarity, I wish you a successful meeting.

Oświęcim, Poland, 29 August 2017



 

Grußwort

Andrzej Duda, polnischer Staatspräsident

Grußwort Andrzej Duda

Grußwort von Alexander Van der Bellen, Präsident der Republik Österreich

„Es ist schmerzhaft zu wissen, dass Sie von Sorge erfüllt sind“


Grußwort an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Generalversammlung des Internationalen Auschwitz Komitees vom 28. bis 31. August 2017 in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim/Auschwitz


Sehr geehrter Herr Kent!
Sehr verehrte Damen und Herren!
Mein ganz besonderer Gruß gilt Ihnen, den Überlebenden von Auschwitz-Birkenau und Ihren Angehörigen!


Ich danke zunächst dem Internationalen Auschwitz Komitee sehr herzlich für die Einladung zu einer Grußbotschaft anlässlich der diesjährigen Generalversammlung. Ich bin vor allem auch deshalb dankbar, weil es mir die Gelegenheit gibt, den hochbetagten Überlebenden aus zahlreichen Ländern in Begleitung ihrer Kinder und Enkelkinder meinen tiefen Respekt und meine Anerkennung auszusprechen. Sie haben keine Mühen gescheut, hierher zu kommen an jenen Ort, der für die Welt ein Symbol der totalen Entmenschlichung und Barbarei ist, und der für Sie die buchstäbliche Hölle auf Erden war: Auschwitz-Birkenau.

Ich glaube, was Sie in jener Zeit erleiden mussten, mitten in Europa und mitten im 20. Jahrhundert, können keine Worte wirklich beschreiben und kein Gefühl je wirklich erfassen. Wir können Ihnen nur zuhören und erahnen, welche Last der Erinnerung Sie tragen. Sie haben dennoch Ihr Leben weitergelebt und geben die Erinnerung als Mahnung und Motivation weiter, vor allem an die Jugend.

Auch in diesen Tagen und an diesem Ort des Schreckens geht es Ihnen darum, Menschen zu motivieren, sich zu den Werten Demokratie und Menschlichkeit, Toleranz und Mitgefühl nicht nur zu bekennen, sondern sie auch mit Leben zu erfüllen. Es ist allerdings auch sehr schmerzhaft für uns als Repräsentanten der Politik und zugleich auch als Bürgerinnen und Bürger Europas, zu wissen, dass Sie in der aktuellen Gegenwart erneut von Sorge erfüllt sind.

Ihre Betroffenheit angesichts von Gewalt, von Terror, Hass und Intoleranz, und besonders von verschiedenen Formen des Antisemitismus muss jeden Menschen bekümmern, der auch nur die geringste Kenntnis von jenen Ereignissen hat, die Sie heute zusammenführen.

Ich möchte daher zum Abschluss noch etwas zum Ausdruck bringen: Es ist Ihnen sehr, sehr wichtig hier zu sein und die Erinnerung an eine furchtbare Zeit aufrecht zu halten und weiterzugeben. Ich weiß aber auch, dass es vielen Menschen aller Generationen, aller Schichten und Religionen in Europa sehr wichtig ist, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Das ist unsere gemeinsame Verantwortung heute, wenn wir tatsächlich aus der Vergangenheit gelernt haben.

Von diesem Ziel dürfen wir nicht abweichen.

In diesem Sinn danke ich dem Internationalen Auschwitz Komitee für sein Engagement und sende Ihnen allen meine besten Wünsche für eine würdige und gelungene Generalversammlung!

Unterschrift Alexander van der Bellen

Grußwort von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

„Wir werden bald niemanden mehr unter uns haben, der die Verbrechen mit eigenen Augen gesehen, das Leid am eigenen Leib gespürt hat.“


Grußwort an die Teilnehmer der Generalversammlung des Internationalen Auschwitz Komitees vom 28. – 31. August 2017
in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim / Auschwitz

Sehr geehrter Herr Kent,
verehrte Überlebende von Auschwitz-Birkenau,
liebe Angehörige,
meine Damen und Herren,


über zwei Generationen ist es nun bald her, dass das Vernichtungslager Auschwitz-­Birkenau von der Roten Armee befreit wurde. Bis dahin waren Millionen europäischer Juden, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, politische Häftlinge und Widerstandskämpfer aus Polen und vielen Ländern Europas in den Lagern oder bei Massenerschießungen oder auf andere Weise von Deutschen oder unter deutschem Kommando umgebracht worden. Es war ein bewusst beschlossenes, eiskalt in die Tat umgesetztes Vemichtungsprojekt. Es sollte nach dem Willen des verbrecherischen Systems keine Juden mehr in Europa geben.

Auschwitz ist seitdem das weltweit bekannte und nie mehr vergessene reale Symbol dieses unerhörten und historisch nie dagewesenen Antihumanismus und Zivilisationsbruchs geworden. Es ist aber zuerst ein deutscher Erinnerungsort - obwohl er, wie auch die vielen anderen Orte des Völkermordes, wie Belzec, Sobibor, Treblinka, Majdanek, Chelmno, Bronnaja Gora, von Deutschland aus gesehen weit im Osten liegt. Die Tat sollte so den Deutschen im Reich möglichst verborgen bleiben – aber die Erinnerung daran darf uns heutigen Deutschen nicht aus dem Blick geraten. Als Ort der Erinnerung und als Ort der Verpflichtung, der Mahnung und der bleibenden Verantwortung, so können wir sagen, liegt Auschwitz mitten in Deutschland.

Das Internationale Auschwitz Komitee leistet seit vielen Jahren diese große Erinnerungsarbeit. Ich möchte Ihnen dafür heute ausdrücklich als Bundespräsident danken – und ich möchte Sie bitten, Ihre Arbeit weiter so engagiert zu tun, die doch aus mancherlei Gründen von Jahr zu Jahr wichtiger wird.

Navid Kermani, der deutsche Schriftsteller mit iranischen Wurzeln, hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass es zu den großen integrationspolitischen Aufgaben gehört, den Millionen von Zuwanderern, die in Deutschland Heimat gefunden haben, begreiflich zu machen, dass auch die Erinnerung an die deutsche Schuld zur Integration dazugehören muss. Er schreibt: „Wer sich in Deutschland einbürgern lässt, wird auch die Last tragen müssen, Deutscher zu sein. Spätestens in Auschwitz wird er sie spüren ... "

Es ist eine Frage, die mich auch ganz grundsätzlich bewegt, die Frage nämlich, wie eine Vergangenheit gegenwärtig bleibt, wenn die biographischen Bezüge fehlen, oder wenn sie sich allmählich auflösen, weil neue Generationen sich schwertun, hier ihre eigene Geschichte wiederzuerkennen. Wir werden bald niemanden mehr unter uns haben, der die Verbrechen mit eigenen Augen gesehen, das Leid am eigenen Leib gespürt hat.

Wir müssen davon weiter erzählen, wir müssen das Vergangene weiter erinnern. Gerade dann, wenn wir nur noch nachsprechen, nachlesen, nachhören können, was andere erlebt und an Erlebtem uns anvertraut haben. Denken wir gerade an die jüdischen Schriftsteller und Gelehrten, die nach dem Krieg und trotz der schwersten Verbrechen nach Deutschland zurückgekehrt sind und hier Zeugnis gegeben haben, von einer Zivilisation, einer Humanität, einer Kultur, die wir mangels eines besseren Begriffs deutsch-jüdisch nennen, die die Nazis vernichten wollten, und die Menschen wie Peter Weiss, Paul Celan, Marcel Reich-Ranicki, Ernst Bloch, Theodor W. Adorno, Ilse Aichinger, Nelly Sachs und so viele andere noch einmal, wie Navid Kermani schreibt, geborgen und uns und der ganzen Welt des Geistes als kostbares Erbe hinterlassen haben.

Noch einmal danke ich von ganzem Herzen Ihnen allen, den Mitgliedern und Unterstützern des Internationalen Auschwitz Komitees für Ihr Engagement und Ihren Einsatz und sende Ihnen für Ihre Generalversammlung die besten Wünsche.

Unterschrift Frank-Walter Steinmeier
 
Die ungarische Delegation mit der Auschwitz-Überlebenden Eva Fahidi am Mahnmal in Birkenau, rechts die ungarische Roma-Aktivistin Erika Horvath. (© Bernd Oertwig)
Die ungarische Delegation mit der Auschwitz-Überlebenden Eva Fahidi am Mahnmal in Birkenau, rechts die ungarische Roma-Aktivistin Erika Horvath. (© Bernd Oertwig) 
Blick in die Generalversammlung, vorne rechts die israelische Delegation (© Bernd Oertwig)
Blick in die Generalversammlung, vorne rechts die israelische Delegation (© Bernd Oertwig)
 
Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner legt den Delegierten den Bericht des Präsidiums vor. (© Bernd Oertwig)
Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner legt den Delegierten den Bericht des Präsidiums vor. (© Bernd Oertwig) 
Die Mitglieder des Präsidiums wurden in ihrem Amt bestätigt. v.l.n.r.: Christoph Heubner (Berlin), Marian Turski (Warschau), Roman Kent (New York), Prof Felix Kolmer (Prag), Henri Goldberg (Brüssel), Noah Klieger (Tel Aviv). (Es fehlen Raphael Esrail (Paris), Kazimierz Albin (Warschau) und Prof. Yefim Gologorskiy (Moskau).) Als polnischer Vizepräsident wurde der Auschwitz-Überlebende Stanislaw Zalewski ins Präsidium hinzugewählt. Darüberhinaus entsandte die Generalversammlung als Mitglieder der 2. Generation in das Präsidium: Marta Mala (Prag); Lili Haber (Tel Aviv); Hannah Lessing (Wien); Györgi Mihali (Budapest); Frédéric Crahay (Brüssel) und Piotr Wislicki (Warschau). (© Bernd Oertwig)
Die Mitglieder des Präsidiums wurden in ihrem Amt bestätigt. v.l.n.r.: Christoph Heubner (Berlin), Marian Turski (Warschau), Roman Kent (New York), Prof Felix Kolmer (Prag), Henri Goldberg (Brüssel), Noah Klieger (Tel Aviv). (Es fehlen Raphael Esrail (Paris), Kazimierz Albin (Warschau) und Prof. Yefim Gologorskiy (Moskau).) Als polnischer Vizepräsident wurde der Auschwitz-Überlebende Stanislaw Zalewski ins Präsidium hinzugewählt. Darüberhinaus entsandte die Generalversammlung als Mitglieder der 2. Generation in das Präsidium: Marta Mala (Prag); Lili Haber (Tel Aviv); Hannah Lessing (Wien); Györgi Mihali (Budapest); Frédéric Crahay (Brüssel) und Piotr Wislicki (Warschau). (© Bernd Oertwig)