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Artikel aus der "Welt" vom 4. Oktober 2003

  

Reden, weil die Worte fehlen

von Iris Hanika

 


In dieser Woche wurde in Berlin das Koordinationsbüro des Internationalen Auschwitz Komitees (IAK), der Zusammenschluß der Überlebenden des Lagers, eröffnet. Das Büro befindet sich in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und wird geleitet von Christoph Heubner, der kein Überlebender ist und auch erst nach dem Krieg geboren wurde, der aber sein Leben ganz in den Dienst dieser Sache gestellt hat und darüber kaum Zeit findet, Gedichte zu schreiben, was doch sein erster Berufswunsch war. 

Mehrere Botschafter waren anwesend und einige Abgeordnete, vor allem aber eine Reihe Überlebender, denen es so über die Maßen wichtig ist, von dem Ungeheuerlichen zu berichten, das ihnen widerfahren ist, auf daß es sich nie wiederholen möge. 

Zum Auftakt musizierte der begnadete junge Violinist Adam Musialski aus Katowice, das 30 Kilometer nördlich von Oswiecim, wie Auschwitz auf polnisch heißt, gelegen ist. Danach sprach als erster Otto Schily, dessen Ministerium dieses Büro durch Förderung ermöglicht hat. Der Innenminister sagte, es sei auch heute noch keine Selbstverständlichkeit, daß das IAK sein Büro in Berlin einrichtet, weswegen er das als ein "wichtiges Zeichen des Vertrauens der Überleben" in das heutige pluralistische Deutschland verstehe: "Seien Sie im demokratischen Berlin herzlich willkommen." Und daß sich dieses Büro in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand befindet, freute ihn, weil dieser Ort daran erinnert, "daß sich auch Deutsche, wenn auch viel zu wenige", im Widerstand befanden. "Schuld vererbt sich nicht, aber Verantwortung bleibt bestehen", sagte Otto Schily, der sich zudem für die Erhaltung der Gedenkstätte in Auschwitz aussprach, weil dort "die Bedeutung der Schoah als Zivilisationsbruch sichtbar" werde. "Unsere Aufgabe ist es, den Opfern ihren Namen und ihr Gesicht zurückzugeben und ihrer ehrend zu gedenken", schloß er, und wie das ist, wenn die Opfer einen Namen bekommen, merkte man gleich anschließend. 

Noach Flug nämlich, der Präsident des IAK, begrüßte jeden der aus Polen, Deutschland, Israel, den Niederlanden, Belgien und den USA angereisten Überlebenden einzeln. Er begrüßte zum Beispiel Kazimierz Albin, der schon bald nach der Einrichtung des Lagers im Frühsommer 1940 mit dem ersten Transport, aus Tarnéw, nach Auschwitz gekommen war und darum die sehr niedrige Häftlingsnummer 118 bekam (und einer der wenigen ist, denen die Flucht aus dem Lager glückte); den Schauspieler August Kowalczyk, der ein Hospiz gegründet hat als "lebendes Denkmal" für diejenigen Polen, die flüchtigen Häftlingen geholfen haben (denn auch er konnte durch Flucht entkommen); Professor Felix Kolmar aus Prag; das Ehepaar König aus Berlin (er stammt aus Frankfurt am Main und erklärt sein Überleben mit "ich habe das Glück gehabt, daß ich einen Metallberuf erlernt hatte" - der nämlich brachte ihn ins Nebenlager Monowitz, wo beim Aufbau des Buna-Werkes der IG Farben qualifizierte Sklaven gebraucht wurden); die aus Saarlouis gebürtige Kantorentochter Esther Bejarano aus Hamburg, die schon immer so winzig klein war, daß ihre Freunde sie "Krümel" nannten, und die im Auschwitzer Mädchenorchester Akkordeon spielte, obwohl sie doch eigentlich nur Klavier konnte. Schließlich stellte Herr Flug sich selbst vor: "Ich war Häftling in Auschwitz, Großrosen, Mauthausen", sagte er und führte die Reihe nicht fort, sondern endete mit "und so weiter" und einem Laut, der vielleicht ein kleines Lachen war (wenigstens zeugt sein Gesicht davon, daß er sich gern fürs Lachen entscheidet, wenn er die Wahl hat). 

Dann wieder zum Heulen schöne Musik und eben kein "und so weiter". Vielmehr war nun Auschwitz, über das so schwer sprechen ist, weil, was dort geschah, jenseits der gewöhnlichen Ausdrucksmöglichkeiten liegt -, das war nun physisch präsent. Weil da diese Menschen waren, die es als Erinnerung an eine Wirklichkeit in ihrem Leben in sich tragen. Und so stellte sich die Bedeutung dieser Stunde ganz von allein her, es bedurfte keiner weiteren Worte. In anderen Stunden aber kann man sich, worum es geht, nur klarmachen, indem man versucht, darüber zu sprechen, und dabei eben das feststellt: daß die Worte fehlen. Gerade darum muß man immer weiter darüber reden. So schwer es auch ist. 

 

Iris Hanika, Jahrgang 1962, ist freie Autorin in Berlin. 
Gerade erschien "Das Loch im Brot" in der Edition Suhrkamp. 
Iris Hanika schreibt, in alter Rechtschreibung, jeden Samstag an dieser Stelle. 

Artikel erschienen am Sa, 4. Oktober 2003
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