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Bundeskanzlerin Angela Merkel erhält die "Gabe der Erinnerung" -- das "B" des Internationalen Auschwitz Komitees
Bundeskanzlerin Angela Merkel erhält die "Gabe der Erinnerung" -- das "B" des Internationalen Auschwitz Komitees (© Deutscher Bundestag) 

  

Grußwort der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel anlässlich des Empfangs von Holocaustüberlebenden sowie Auszubildenden am 26. Januar 2010 im Bundeskanzleramt

Überlebende – Zeugen der Wahrheit, Mahner und Versöhner

Sehr geehrter Herr Flug, 
sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Auszubildende,

ich freue mich natürlich, dass Sie heute hier im Bundeskanzleramt sind und ich Sie begrüßen darf. Ihr Projekt ist wirklich eines von den ganz herausragenden und ganz vorbildlichen Beispielen für eine Kultur des Erinnerns. Wir alle sind dazu verpflichtet durch den Zivilisationsbruch der Shoah. Deutschland hat eine immer währende Verantwortung zu übernehmen für diesen Teil unserer Geschichte. Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur so möglich ist, auch unsere Zukunft gestalten zu können. Deshalb tragen wir natürlich Verantwortung dafür, dass das Gedenken an die Opfer auch von Generation zu Generation weitergelebt wird.

Ich komme gerade von einer Pressekonferenz mit dem israelischen Präsidenten. Auch dort habe ich gerade gesagt und will das auch hier gerne nochmals wiederholen, dass es Teil der Staatsräson meines Landes ist, dass wir diese Verantwortung tragen und dass wir auch die Verantwortung für die Existenz und die Zukunft Israels mit tragen. Und deshalb ist es auch wichtig, dass vor wenigen Wochen der Bund und die Länder beschlossen haben, der Internationalen Stiftung Auschwitz-Birkenau 60 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Mit den Zinsen aus diesem Kapitalstock soll dann der Erhalt der Gedenkstätte dauerhaft und nicht immer nur von Schritt zu Schritt gesichert werden.

Aber das allein reicht nicht. Es kommt eben auch darauf an, dass es ein breites Engagement unserer ganzen Gesellschaft gibt, damit die Erinnerungskultur nicht nur von einigen gelebt wird, sondern ein möglichst breiter und lebendiger Teil in unserer Gesellschaft wird. Wir können gar nicht alles staatlich verordnen, anweisen und ausgestalten, weshalb ein Projekt wie das Ihre so wichtig ist.

Projekte wie das des Internationalen Auschwitz Komitees und der Volkswagen AG sind im Grunde so etwas wie ein Versprechen an die Opfer: Wir werden euch niemals vergessen. Die Botschaft "Nie wieder!" muss sich nicht nur in die Köpfe einschreiben, sondern muss auch in den Herzen der Menschen leben. Ich glaube, dass bei den Auszubildenden, die heute hier sind, das geschehen ist. Es ist Ihnen nicht nur eine Sache des Verstands, sondern auch eine Sache des Herzens. Ich vermute mal, dass die Erfahrung, die Sie bei Ihrer Projektarbeit in der Gedenkstätte Auschwitz gemacht haben, Sie so schnell nicht wieder loslassen wird. Und ich glaube, dass Sie vielleicht daraus auch die Kraft schöpfen, mit anderen darüber zu sprechen, wenn Sie gefragt werden, was Sie denn da gemacht haben und ob das denn richtig und wichtig war, und dass daraus eine Stimme erwächst gegen das Vergessen und für das friedliche Miteinander von Menschen, egal woher sie kommen.

Solche Erfahrungen heute sind natürlich auch an Zeugnisse der damaligen Zeit gebunden. Dabei spielen Berichte von Überlebenden -- als Zeugen der Wahrheit, als Mahner und Versöhner -- eine herausragende Rolle. Für mich war es wiederum auch ein bewegendes Erlebnis, vor wenigen Tagen bei den zweiten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen mit dem israelischen Premierminister Netanjahu und großen Teilen seines Kabinetts am "Ort der Erinnerung" zu sein -- an der Stätte der Erinnerung beim Holocaustmahnmal hier im Zentrum Berlins. Wir alle brauchen immer wieder solche Erlebnisse, um dann auch mit anderen darüber sprechen zu können.

Sehr geehrte Herren und liebe Frau Haber, Sie haben trotz oder gerade wegen des unsäglichen Leids, das Sie erfahren haben, selbst keine Mühe gescheut, um Erinnerung wach zu halten; und nicht nur wach zu halten, sondern auch weiterzutragen. Ich möchte mich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie das getan haben. Denn ich glaube, es ist auch nicht immer einfach zu lernen, darüber zu sprechen und solche schrecklichen Erinnerungen mit jungen Menschen zu teilen, die sie weitertragen sollen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Und deshalb möchte ich mich bei Ihnen auch ganz persönlich dafür bedanken, dass Sie die Hand ausgestreckt haben, dass Sie gesagt haben: Für eine bessere Zukunft sind wir auch dazu bereit, über das Schreckliche zu sprechen, das wir erlebt haben.

Den Auszubildenden sage ich: Seien Sie froh und stolz, an einem solchen Projekt mitarbeiten zu können. Vergessen Sie nicht die Verantwortung für die Geschichte, wenn Sie später wieder etwas anderes tun, sondern suchen Sie immer wieder die Berührung mit der Geschichte. Es tut uns gut und es gibt uns Kraft, dass Schrecknisse der Vergangenheit sich nicht wiederholen. Wenn man aufmerksam durch unser Land geht, dann sieht man: Es gibt viele solcher Projekte in vielen Orten, gerade auch Projekte wie die "Stolpersteine", die uns immer wieder daran erinnern, was war. Auch Sie können mit Ihrem Projekt, das ich wirklich als vorbildlich einstufe, sagen: Wir haben daran mitgewirkt, dass nicht vergessen wird, sondern aus Erinnerung Kraft erwächst.

Herzlichen Dank.