IAK :: Erinnern an gestern, Verantwortung für morgen

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Noach Flug, Ehrenpräsident des IAK
Noach Flug, Ehrenpräsident des IAK 

  

23. Juni 2010: Rede von Noach Flug anläßlich des Festakts zum zehnjährigen Bestehen der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft"

"Ich war zwanzig Jahre alt und ich wog 32 Kilo"

Sehr geehrter Herr Minister Dr. Schäuble,

sehr geehrter Herr Dr. Jansen,

sehr geehrter Herr Saathoff,

verehrte Kuratorinnen und Kuratoren,

sehr geehrte Damen und Herren,

Das Stiftungsgesetz, das vor zehn Jahren parteiübergreifend verabschiedet wurde, war Ausdruck einer gemeinsamen Anstrengung von Bundesregierung, deutscher Industrie und Opfervertretern, um nach Jahrzehnten endlich ein Stück Gerechtigkeit für die ehemaligen Sklaven- und Zwangsarbeiter zu erreichen. 
Das Gesetz diente zwei Zielen: Zum einen der Auszahlung einer Entschädigungsleistung an ehemalige Sklaven- und Zwangsarbeiter in aller Welt; zum anderen der Einrichtung eines Fonds, der dauerhaft die Erinnerung an die Verbrechen des nationalsozialistischen deutschen Staates und an das Leid der Opfer wach halten soll.

Heute, zehn Jahre später, wissen wir, dass die Bundesstiftung sehr erfolgreich gearbeitet hat. Dazu haben auch die Partner-Organisationen in den jeweiligen Ländern Wesentliches beigetragen. Der Erfolg der Stiftung liegt besonders darin, dass mehr als 50 Jahre nach Kriegsende doch noch mehr als 1,7 Millionen Menschen aus dem millionenfachen Heer der Zwangsarbeiter finanziell unterstützt werden konnten. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um allen in der Stiftung und andernorts Beteiligten sehr herzlich zu danken: Sie haben weit über das professionelle Engagement hinaus, unsern Weg -- den Weg der Opfer -- in diesen letzten Jahren mit menschlicher Zuwendung und persönlichem Interesse an unserer Geschichte begleitet!

Meine Damen und Herren, ich war vierzehn Jahre alt, als ich in meiner Heimatstadt Lodz ins Ghetto umgesiedelt wurde. Von dort kam ich 1944 nach Auschwitz, später dann der Todesmarsch, Groß-Rosen und Ebensee, wo ich am 6. Mai 1945 befreit wurde: Ich war zwanzig Jahre alt und ich wog 32 Kilo. Als ich nach Lodz zurückkehrte lebte von meinen über 100 Verwandten niemand mehr. In meinem zweiten Leben habe ich studiert und eine Familie gegründet. Seit 2002 bin ich Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees. Zugleich bin ich Präsident des Centre of Holocaust Survivors in Israel und repräsentiere so alle Überlebenden unabhängig von ihrer Nationalität, ihrer Herkunft oder ihrer Religion.

Die Erinnerung, meine Damen und Herren, ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluß für bearbeitet oder für beendet zu erklären.

Auch deshalb wollen wir als Opfer und sollen wir als Opfer nicht vergessen werden. Auch die heutige und die zukünftige Welt müssen wissen, wie das Unrecht, die Sklaverei der Zwangsarbeit und der Massenmord organisiert wurden und wer die Verantwortlichen dafür waren. Dies soll immer wieder dokumentiert und den jungen Menschen erklärt werden: Zur Erinnerung an uns und unsere ermordeten Angehörigen und zu ihrem Schutz in ihrer Zukunft. Diese Erinnerung an unser Leid und an die Verbrechen der Nationalsozialisten soll deshalb auch zukünftig das wesentliche Anliegen der Stiftung sein und ein zentraler Aspekt der großen Menschenrechtsdebatte, die weltweit geführt wird.

Jetzt im fortgeschrittenen Alter sehe ich wie die gesundheitlichen Spätfolgen der NS-Verfolgung mit verstärkter Wucht bei vielen meiner Leidensgenossen zutage treten. Gekoppelt mit Altersarmut, sozialer Isolation und traumatisierender Rückerinnerung bestimmen sie den Lebensabend vieler NS-Opfer.

Gewissenhaft, sehr geehrte Damen und Herren, gedenken wir der zahllosen Toten des nationalsozialistischen Terrors, in Deutschland ebenso wie in Israel oder andernorts in der Welt. Eine eben solche Verpflichtung zur Erinnerung haben wir auch gegenüber den bis heute überlebenden NS-Opfern. Solange NS-Opfer unter uns sind, muss auch die Stiftung -Erinnerung, Verantwortung und Zukunft- ihre Projektarbeit auf diese ausrichten. Ich würde mir wünschen, dass dies angesichts der besonderen Notlage vieler NS-Opfer in noch stärkerem Maße geschieht.

Das Wichtigste, was wir -- die Überlebenden -- geleistet haben, meine Damen und Herren: Wir haben nicht geschwiegen: Bei unendlich vielen Gesprächen haben Überlebende in aller Welt und vor allem in Deutschland über ihre Erinnerungen und ihre Erfahrungen mit jungen Menschen gesprochen: 
Als Beitrag zur Demokratie, zu Toleranz und gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. Ohne Haß und mit großer pädagogischer und politischer Verantwortung: Daß Deutschland, verehrte Anwesende, heute seinen Platz unter den geachteten Demokratien der Welt einnehmen kann, das ist auch dieser Haltung der Überlebenden, dieser Haltung von uns zu danken.

Mein persönlicher Appell als Überlebender des Holocaust geht an Sie, verehrte Herren Vorsitzende und verehrte Kolleginnen und Kollegen aus dem Kuratorium, Alles in unseren Kräften Stehende zu tun, damit die NS-Opfer einen Lebensabend in Würde verbringen können. Und die jungen Menschen bitte ich, unsere Erinnerungen aufzunehmen in ihre Räume und in ihre Welt, damit sie heute und in der Zukunft Sensibilität für aktuelles Unrecht entwickeln, wo auch immer und gegen wen auch immer es geschieht.

Ich danke Ihnen.