IAK :: Erinnern an gestern, Verantwortung für morgen

Stauffenbergstraße 13/14
10785 Berlin
Deutschland

Telefon:
Telefax:

URI: http://www.auschwitz.info/

Service-Navigation:
 
 
 
 
IAK-Präsident Roman Kent © Boris Buchholz
IAK-Präsident Roman Kent © Boris Buchholz 

 

27.1.2015: Rede von Roman Kent anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz, Auschwitz-Birkenau

Sich zu erinnern ist jedoch nicht genug. Taten! Taten sind genauso existenziell wie Gedanken.

Präsident Komorowski, Auschwitz-Überlebende und Gäste –

Ich werde oft gefragt wie lange ich in Auschwitz war – … meine Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass eine Minute in Auschwitz einen ganzen Tag währte, ein Tag war wie ein Jahr und ein Monat glich einer Ewigkeit. Wie viele Ewigkeiten kann ein Mensch in seiner Lebenszeit durchleben – auch darauf kenne ich die Antwort nicht.
 
Zachor, Pamjentaj, erinnern  ….
Dies war das Wort, welches mein Vater mir oft während des Holocaust sagte.

Heute, 70 Jahre später, ist dieser Befehl zu erinnern in der Tat überflüssig. Für mich, einen Auschwitzüberlebenden, ist es unmöglich die entsetzlichen Erfahrungen, die ich in den Konzentrationslagern durchlitten habe auch nur für einen Moment zu vergessen. Zeuge der Gräueltaten zu sein, die am Eingangstor von Auschwitz geschahen, war mehr als genug, um mich nachts wach zu halten... Bis ans Ende meiner Zeit. Es war dort wo die Deutschen ihre „neuen Gäste“ willkommen hießen und anfingen, sie brutal zu behandeln. Pferde wurden in Familien und Menschengruppen getrieben um sie zu trennen – oft für immer – während uns die Lagerwachen auspeitschten, mit Peitschen die so scharf schnitten wie fein geschliffene Schwerter.

Sogar 70 Jahre später, sind die tägliche Grausamkeiten und das unmenschliche Verhalten in den Lagern unauslöschlich in meinen Geist geritzt. Der Anblick der Freude in den Gesichtern der Mörder und ihr Gelächter, als sie unschuldige Männer, Frauen und Kinder folterten, ist unbeschreiblich und brennt in meinem Gedächtnis. Wie kann ich den Anblick von einem menschlichen Skelett vergessen, nur Haut und Knochen aber noch am Leben? Wie kann ich je den Gestank von brennendem Fleisch vergessen, der die Luft durchdrang? Viele von uns kamen nach Auschwitz ohne dass wir uns im Leben kannten, aber die meisten verließen es gemeinsam: Im Tode durch die Schornsteine in Form von weiß-blauem Rauch.

Das herzzerreißende Weinen von Kindern, die brutal von ihren Folterern aus den Armen ihrer Mütter gerissen wurden, wird in meinen Ohren gellen bis zu dem Tag wo ich meine letzte Ruhe finde. Ich frage mich immer wieder, ob die Schreie dieser jungen Menschen je das Tor zum Himmel durchbrochen haben.

Wir Überlebenden waren oft mit dem Tod konfrontiert, jedoch war Verzweiflung nie unsere Antwort. Trotz der Hoffnungslosigkeit, erschufen wir Leben aus einer Welt der Finsternis und heute erinnern wir uns an das Böse dass alles zu verschlingen suchte und welches wir gezwungen waren, zu erdulden.

Wir Überlebenden können es nicht und wagen es nicht die Millionen zu vergessen, die ermordet wurden. Denn wenn wir vergessen würden, würde das Gewissen der Menschheit neben den Opfern begraben sein.

Heute, an diesem Ort, sind wir ein Teil der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, welche von der polnischen Regierung gehalten wird. Was für eine hervorragende Gelegenheit, eine bedeutende und herzliche Nachricht an die Staatschefs aller Nationen und der gesamten Welt zu richten.

Wir alle müssen erinnern!

Denn wenn Sie, Staatsoberhäupter der Welt, sich erinnern und auch andere ermutigen, sich zu erinnern, werden der Holocaust und andere Gräueltaten wie Darfur, Biafra, der Kosovo sowie die Angriffe jetzt in Paris, keinen Platz auf dieser Erde haben.

Sich zu erinnern ist jedoch nicht genug.

Taten! Taten sind genauso existenziell wie Gedanken.

Es ist unsere gemeinsame Pflicht – die der Überlebenden und die der Staatsoberhäupter –, in der aktuellen und der kommenden Generation ein Verständnis dafür zu schaffen, was geschieht, wenn bösartige Vorurteile und Hass gedeihen können.

Wir müssen alle unseren Kindern Toleranz und Verständnis beibringen, zuhause und in der Schule. Denn Toleranz kann nicht vorausgesetzt werden … sie muss gelehrt und gelebt werden. Und wir müssen deutlich machen, dass Hass niemals richtig ist und Liebe niemals falsch!

Wenn ich an den Holocaust denke, wie ich es oft tue, gibt es nur wenige Taten, die ich als “heilig” ansehe, und welche meinen Glauben an die Menschheit wiederbeleben. Ohne zu zögern fallen die mutigen und heldenhaften Taten von Nichtjuden, jene die wir Gerechte unter den Völkern nennen, in diese Kategorie.

Um unschuldige jüdische Leben zu retten, gefährdeten die Gerechten unter den Völkern ihr Leben, und in den meisten Fällen auch das Leben ihrer Familien. Diese Gerechten unter den Völkern – nur wenige aus vielen Millionen – haben der Welt gezeigt dass die Antwort auf Tyrannei und Gleichgültigkeit Engagement und Mut ist, moralische Entscheidungen zu treffen und gemäß diesen Entscheidungen zu handeln.

Ihre Taten sollten uns als Beispiel dienen für was hätte getan werden können, als Anklage für das, was nicht getan wurde, und als Fackel der Moral in einer Welt der Unterdrückung und der Dunkelheit. Diese Retter, geadelt durch ihre Taten aber bescheiden im Charakter, haben uns gelehrt, dass sogar in der Hölle, die als Holocaust bekannt ist, das Individuum die Wahl und auch die Möglichkeit hatte human zu handeln, wenn sie oder er den Mut dazu fand.

Wir Überlebenden teilen ein gemeinsames Ziel mit der aktuellen Generation, und hoffentlich mit allen kommenden Generationen: Wir wollen nicht, dass unsere Vergangenheit die Zukunft unserer Kinder wird. Ich hoffe und ich glaube, dass diese Generation auf den großen kulturellen Traditionen der Menschheit aufbauen wird, und dies mit dem Verständnis dafür, dass Vielfältigkeit und Toleranz, Anstand und Menschenrechte für alle Menschen gleichermaßen gelten: Widerstand gegen Antisemitismus und Rassismus jeglicher Art sollten alltäglich und nicht die Ausnahme sein.
 
Leider, wird es im Laufe der Zeit mehr und mehr offensichtlich, dass es Anstrengungen durch die ideologischen Nachfolger der Täter, durch “Leugner” und Ignoranten gibt, unterstützt durch mancherlei Medien, die Shoah zu „reinigen“. Sie benutzten Wörter, um den Holocaust zu beschreiben, die ihn weniger böse und brutal erscheinen lassen. Diese Anstrengungen verschleiern die Wahrheit über das, was wirklich geschehen ist.

Zum Beispiel, ist es Routine geworden das Wort “verloren” zu verwenden, wenn man von Verwandten oder geliebten Menschen redet die während des Holocausts brutal ermordet worden  sind... Jedoch beschreibt das Wort „verloren“ nicht das, was passiert ist. “Verloren“ bezieht sich auf etwas, was verlegt wurde oder abhanden gekommen ist. 11 000 000 Menschen, darunter 
6 000 000 Juden und 1,5 Millionen jüdische Kinder sind während des Holocausts nicht „verloren gegangen“ oder sind „verlegt worden“. Diese Kinder wurden ermordet, genau wie die Generationen die ihnen gefolgt wären.


Ebenso, hören wir oft, dass Millionen im Holocaust “gestorben” sind. Lasst mich deutlich sein – jene, die in Auschwitz „gestorben“ sind, sind nicht im normalen Sinne des Wortes „gestorben“ … sie wurden brutal getötet, ermordet und in Krematorien verbrannt. […]

Durch den Gebrauch von gesäuberten Worten – durch das “ Reinemachen” der Geschehnisse – helfen wir unbewusst den Leugnern. Posthum mindern wir dadurch die Gräueltaten der Täter.
 
Und dennoch, im Angesicht der aktuellen Teilnahme und Aufmerksamkeit von so vielen Staatsoberhäuptern, gibt es einen sichtbaren Beweis für Mitgefühl und Beteiligung statt Gleichgültigkeit. Dies ist ein Fortschritt … jetzt liegt es in der Hand der Staatenführer von morgen. Aber es gibt noch so viel zu tun. Wir müssen alle beteiligt sein und involviert bleiben … niemand sollte jemals nur Zuschauer sein! Dieser Punkt ist mir so wichtig, dass wenn ich die Macht dazu hätte, zu den universal akzeptierten zehn Geboten ein elftes hinzuzufügen, es lauten würde: “Du sollst nie, niemals nur Zuschauer sein.“

Deshalb hoffe ich, dass es eine hellere Zukunft für die Menschheit gibt. Letzen Endes leben wir alle auf demselben Planeten. Vielleicht wenn wir alle endlich verstehen, dass wir ein Volk sind, können wir sichergehen dass sich eine Tragödie wie Auschwitz je wiederholen wird.

Ich werde meinen Beitrag mit einem Zitat von Primo Levi beenden, der seine Gedanken über Auschwitz zum Ausdruck bringt. –

Von welchem Land man
auf die Ruinen des Lagers schaut.

Denke, und tue alles was du kannst,
damit deine Pilgerfahrt
nicht umsonst gewesen ist,
so wie unser Tod nicht umsonst war…

Für dich und deine Kinder,
sind die Asche von Auschwitz
eine Warnung.

Handele so dass die furchtbare Frucht
des Hasses,
deren Spuren du hier gesehen hast,
nie wieder einen Same abwirft
nicht morgen und niemals!

 

 

Die Rede wurde am 27. Januar 2015 bei der offiziellen Gedenkfeier des polnischen Staates in Auschwitz-Birkenau gehalten. Roman Kent ist Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees.