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Gedenken 2013

68. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

Am 27. Januar 2013 gedachten Menschen weltweit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau: Vor 68 Jahren öffneten Soldaten der Roten Armee die Tore des Vernichtungslagers Birkenau. Vor acht Jahren erklärten die Vereinten Nationen diesen Tag der Befreiung zum Internationalen Holocaust-Gedenktag.

 

dpa-Interview mit Christoph Heubner

"Antisemitismus wird immer öfter salonfähig"

Eva Krafczyk: Vor 80 Jahren rissen die Nationalsozialisten die Macht an sich, vor 68 Jahren befreiten sowjetische Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz, das seither Symbol für Menschenverachtung, Rassenhass und Massenmord ist. "Nie wieder Auschwitz" gehört zum politischen Grundkonsens in Deutschland. Und trotzdem hat jeder Fünfte antisemitische Einstellungen – eine besondere Herausforderung für die Erinnerungskultur?

Christoph Heubner: Ich bin dankbar für eine vielfältige Erinnerungskultur in Deutschland. Und dennoch gilt: Eine Erinnerungskultur – Gedenkfeiern, Schulstunden, Gottesdienste –, die den Weg in die heutigen Verhältnisse nicht findet, erstarrt in leerem Geschwätz und dürrem Pathos. Wir erinnern uns doch nicht, um ein gutes Gewissen zu haben. Erinnerung und Beunruhigung gehören zusammen. Es geht an diesem Tag auch um Rassenhass und Kindermord, der vom damaligen deutschen Staat begangen und von vielen seiner Bürger unterstützt wurde. Das beunruhigt mich bis heute.
 
Und heute kriechen der Antisemitismus und antijüdische Stereotypen in Deutschland erneut aus den Ecken – teils in altbekannter Weise. Neu ist jedoch, dass der Antisemitismus in die Mitte der Gesellschaft wächst, dass er immer öfter salonfähig wird. Für die Überlebenden ist das zum Verzweifeln: Wenn dreißig Prozent der Befragten in einer kürzlich in Deutschland vorgelegten Studie meinen, dass "die Juden die Erinnerung an den Holocaust heute für ihren eigenen Vorteil ausnutzen", ist das ein Angriff auf die Würde und ein Schlag ins Gesicht jedes Menschen, der Auschwitz und andere deutsche Konzentrationslager überlebt hat.


Eva Krafczyk: Antisemitismus, Fremdenhass oder Rassismus sind keine deutsche Spezialität. In jüngster Zeit macht Ungarn mit seiner rechtspopulistischen Regierung Negativschlagzeilen – das Land, aus dem fast die Hälfte der in Auschwitz ermordeten Juden stammte. Sie haben regelmäßig Kontakt zu Überlebenden – wie reagieren die ehemaligen Auschwitz-Häftlinge auf diese Entwicklung?

Christoph Heubner: Ich war vor wenigen Tagen in Budapest und habe dort bei Veranstaltungen und im privaten Rahmen viel mit Überlebenden sprechen können. Sie sind von absoluter Trauer erfüllt angesichts der antisemitischen Hetze, die sie umgibt. All das kommt ihnen aus der eigenen Jugend so entsetzlich bekannt vor und sie haben Angst um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel. Hinzu kommt das Mitgefühl, das sie für die Roma in Ungarn empfinden: Auf ihnen lastet noch mehr Druck, Hass und Vernichtungswille, der ihnen sogar aus der Zeitung entgegen springt.  Mit Erbitterung sehen die Überlebenden auch, dass Europa seiner Rolle nicht gerecht wird. Sie fühlen sich im Dunkel dieses Hasses allein gelassen.


Eva Krafczyk: Die meisten der Überlebenden sind sehr alt, viele gesundheitlich stark beeinträchtigt – nicht zuletzt eine Folge der Jahre in Ghettos und Lagern. In ein paar Jahren werden die Stimmen der Zeitzeugen fehlen. Was ist zu tun, damit die Erinnerung nicht verstummt, was liegt den Überlebenden hier besonders am Herzen?

Christoph Heubner: Die Überlebenden haben nicht geschwiegen. Sie haben ihre Erinnerungen bei unzähligen Gesprächen mit jungen Menschen weitergegeben. Ich kenne viele junge Menschen für die diese Begegnungen mit Überlebenden zu einem ganz prägenden Teil ihres Erwachsenwerdens gehören, die sie nicht vergessen werden: Sie sind die Zeugen der Zeitzeugen geworden. Zur Zeit arbeite ich mit Volkswagen-Auszubildenden an dem Projekt einer großen Skulptur, die die Erinnerungen der Überlebenden aufnehmen und für die Zukunft bewahren soll. Die ehemaligen Auschwitz-Häftlinge haben für die Skulptur als Aufschrift und als Quintessenz ihrer Lebenserfahrung den Satz ausgewählt: "Erinnert Euch: Wenn Unrecht geschieht, wenn Menschen diskriminiert und verfolgt werden – bleibt nicht gleichgültig. Gleichgültigkeit tötet." Das haben sie als junge Menschen erlebt  und das liegt ihnen am Herzen.


Eva Krafczyk: Viele der jungen Menschen, die nach Oswiecim kommen, haben keine Großeltern mehr, die den Zweiten Weltkrieg bewusst erlebt haben, andere haben ihre Wurzeln in anderen Ländern und Kulturen. Welche Herausforderungen hat das für die Erinnerungsarbeit und was verändert sich – etwa mit Blick den Völkermord in Ruanda, die ethnischen Konflikte auf dem Balkan und andere Gewalttaten, die es trotz der weltweiten "Nie wieder Auschwitz"-Appelle in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gegeben hat?

Christoph Heubner: Eine polnische Dichterin hat formuliert: "Vergesst nie, dass Menschen Menschen dieses Schicksal bereitet haben." In Auschwitz wird also eine Menschheitsgeschichte erzählt, die Menschen – besonders junge Menschen – aus allen Ländern und allen Kulturen gleichermaßen betrifft und die man ihnen so erzählen muss, dass sie sie verstehen – im Blick auf ihre eigene Geschichte, ihre eigene Familie und ihre eigene Situation. Sind diese Berichte und Erzählungen hilf- und sinnlos angesichts der Völkermorde nach Auschwitz?

Wenn ich dies bejahen würde wäre eine Institution wie die Internationale Jugendbegegnungsstätte ebenso sinnlos. Immerhin hat die Europäische Union gerade den Friedensnobelpreis erhalten. Sie ist auch auf der Asche von Auschwitz entstanden. Zu meiner Arbeit gehört die Hoffnung. Das haben mir gerade die Überlebenden immer wieder – mit dem Mut der Verzweiflung – vermittelt.

  • Christoph Heubner ist der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees.
  • Die Fragen stellte Eva Krafczyk, Deutsche Presse Agentur (dpa).
 

26. Januar 2013: Gedenken des IAK in Berlin

Gedenken an die Opfer und die Überlebenden – und an jene, die unter Rassenhass und Antisemitismus heute zu leiden haben

 

Am 26. Januar 2013 versammelten sich Freunde des Internationalen Auschwitz Komitees am Wittenbergplatz in Berlin, um an der Gedenktafel für alle Opfer des nationalsozialistischen Terrors in den Konzentrations- und Vernichtungslagern einen Kranz niederzulegen.

"Wir gedenken vor dem 27. Januar, dem Tag, an dem 1945 Auschwitz befreit wurde und der seit 2005 auf Beschluß der Vereinten Nationen als Internationaler Gedenktag begangen wird, aller Opfer des Holocaust, die – weil sie Juden waren – in den Lagern ermordet wurden. Wir denken an alle Überlebenden, wo in der Welt sie heute auch leben: Sie haben – oft allein und als einzige Überlebende ihrer Familien – ein neues Leben aufbauen müssen. Auschwitz mit all seinen Erinnerungen und Erlebnissen hat sie nie verlassen. Heute im hohen Alter leiden sie vermehrt unter den gesundheitlichen Folgen der Lager. Und wir denken an alle diejenigen, die heute in Europa als Roma und Sinti oder mit antisemitischen und rassistischen Sprüchen und Aktionen gedemütigt, ausgegrenzt und attackiert werden. Deshalb stehen wir hier", betonte Christoph Heubner für das IAK.

U-Bahnhof Wittenbergplatz, rechts die Gedenktafel © Oertwig
U-Bahnhof Wittenbergplatz, rechts die Gedenktafel © Oertwig  
Kranz des IAK an der Gedenktafel für alle Opfer der Konzentrations- und Vernichtungslagern am Berliner U-Bahnhof Wittenbergplatz © Oertwig
Kranz des IAK an der Gedenktafel für alle Opfer der Konzentrations- und Vernichtungslagern am Berliner U-Bahnhof Wittenbergplatz © Oertwig 

Weitere Aktivitäten des IAK

 

17. Januar 2013: Überlebende berichten in Warschau der Internationalen Presse:  Mehr lesen

15. Januar 2013: Ausstellung „… zusammen bleiben …“ in Budapest eröffnet:  Mehr lesen

 

Berichterstattung zum 27. Januar 2013

 

ORF: Hass bis zur Vernichtungspolemik

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ARD: Überlebende beklagen neuen Antisemitismus

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