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April 1945: Wöbbelin, Mecklenburg-Vorpommern

Gräber in Wöbbelin
Gräber in Wöbbelin
 
Aufmarsch von Neonazis
Aufmarsch von Neonazis 

„Dieses Lager war das schlimmste von allen.“

Zehnjährige Schüler, die eine KZ-Gedenkstätte besuchen und trotz ihres Alters dort arbeiten und viel lernen? Ein kleines Konzentrationslager in Mecklenburg-Vorpommern, in dem in der kurzen Geschichte seines Bestehens über tausend Menschen sterben? Die Geschichte des Konzentrationslagers Wöbbelin ist ungewöhnlich und schrecklich, die Gegenwart der Gedenkstätte ungewöhnlich, aber ermutigend.

Wöbbelin hat nur zehn Wochen existiert. Kein Häftling, der dort inhaftiert war, wird sich als ehemaliger Häftling von Wöbbelin vorstellen: Er wird sagen: „Ich war in Auschwitz, in Neuengamme oder in Majdanek als Häftling.“ Alle Menschen, die in Wöbbelin inhaftiert  waren, hatten einen Irrweg über mehrere Lager und mehrere Todesmärsche oder –transporte hinter sich. Es waren Männer und Frauen. Und doch sagen sie einhellig: „Dieses Lager war das schlimmste von allen.“  Das sagte Joshua Laks auf der diesjährigen Gedenkfeier in Wöbbelin, der zehn Konzentrationslager durchlitten hat. So Erich 
Kary, der zuvor in Auschwitz, Dora-Mittelbau und Ravensbrück inhaftiert gewesen ist: „Es muss Ende April 1945 gewesen sein, als der Zug in einem kleinen Waldstück hielt und wir wiederum aus den Waggons getrieben wurden. Viele konnten sich  kaum noch richtig bewegen, mir ging es genauso. Teilweise war man schon apathisch, man hat der Knute gehorcht und war zufrieden, wenn man es nicht gleich gespürt hat in Form von Schlägen. Wir wurden durch ein Stück Wald getrieben und kamen in eine Baracke ... oder besser ein Steingebäude, das Fenster und Türen in Form von Löchern hatte, keinen Fußboden, nur Sand... Wöbbelin war das Schlimmste, was ich erlebt habe. Es herrschte nur Chaos. Hier gab es zwar keine Gaskammern, aber die Menschen starben an Krankheiten, sie verhungerten, verdursteten. Überall lagen tote Menschen. Auschwitz als industriemäßige Vernichtungsstätte von Menschen habe ich irgendwie überlebt, selbst die Bedingungen im KZ Monowitz. Schlimmer jedoch war es im KZ Mittelbau-Dora. Aber Wöbbelin war noch schlimmer, dieses KZ war völlig überfüllt, so dass es kaum etwas zu essen oder gar zu trinken gab. Überall Tote oder Sterbende und man wusste nicht, wann man selbst dazu gehören würde.”

Wöbbelin war eigentlich als Arbeitslager geplant. Die ersten Häftlinge kamen dort im Februar an, um das Lager aufzubauen. Als aber Anfang April überall die Front zusammenbrach und die Allierten vorrückten, kamen Todesmärsche und Transporte aus dem ganzen Reich in Wöbbelin an. Die ohnehin schon geschwächten Häftlinge trafen auf ein Lager, das in keiner Weise auf ihre Versorgung vorbereitet war

Stacheldrahtzaun und Wachtürme waren fertig gestellt, aber in den Steinbaracken fehlten Türen, Fenster und vor allem die Heizung. Viele der Häftlinge mussten auf dem Boden schlafen. Für zehn Menschen gab es ein Kilogramm Brot und für jeden einen halben Liter Suppe. Wasser gab es nur an einer einzigen Pumpe. Diese war verseucht.Wer davon trank, wurde krank, berichten ehemalige Häftlinge. “Einen Weg zum Abort oder zum Waschraum gab es nicht. Wenn man aber dorthin kam, konnte man feststellen, dass  im sogenannten Waschraum Leichen lagen. Auch auf dem Weg zurück lagen überall Leichen... Es waren furchtbare Zustände, viele Häftlinge konnten nicht mehr aufstehen und zur Latrine gehen... Man legte sich hin und man wusste nicht, wie es weiter geht. Die Gedanken gingen dahin: Wird noch ein Wunder geschehen, wirst du noch überleben, was wird weiter werden?”, erinnert sich Erich Kary.

So kam es, dass in diesen letzten vier Wochen etwa tausend Menschen in Wöbbelin starben. Als die Amerikaner das Lager befreiten, waren sie geschockt. Darauf hatte sie nichts vobereitet. Die Nationalsozialisten hatten diese Menschen buchstäblich bis zuletzt in ihrer Gewalt behalten, gegen jede Vernunft und gegen jede Menschlichkeit. Deshalb wollten die amerikanischen Soldaten die deutsche Bevölkerung mit diesem Verbrechen konfrontieren. Alle Bewohner von Wöbbelin mussten das Lager besichtigen, die Männer bei der Beerdigung der Opfer mithelfen.

Ob dies geholfen hat, die Einstellung der Bevölkerung zu ändern? Es scheint eher das Gegenteil bewirkt zu haben. Eine Auseinandersetzung mit dem, was in Wöbbelin geschehen war,  fand nicht statt. Es gab eine kleine Gedenkstätte, es gab die jährlichen Feierlichkeiten im Mai. Das war alles. Nach der Wende gründete sich jedoch ein Fördervein für die Gedenkstätte, der sich zur Aufgabe machte, die Geschichte von Wöbbelin erstmals gründlich zu erforschen.

Gleichzeitig erstarkte im Landkreis Ludwigslust der Rechstextremismus. Die NPD schien überall präsent. Sie wendete und wendet sich mit ihren Angeboten besonders an Jugendliche. Als Gegenreaktion ist in der Gedenkstätte Wöbbelin ein ungewöhnliches pädagogisches Projekt entstanden, das schon Grundschüler ansprechen soll. Dass Zehn-Elfjährige eine KZ Gedenkstätte besuchen, bedeutet für viele ein Tabubruch. Kann man ihnen das zumuten?

“Aber", wendet die Leiterin der Gedenkstätte Ramona Ramesenthaler ein, “es ist ein Zeitverlust erst mit Vierzehn bis Fünfzehnjährigen darüber zu sprechen. Dann kann es schon in zu spät sein in einem Umfeld, das von rechten Ressentiments geprägt ist.“ “Wir wollen den Rechten doch nicht das Feld überlassen”, so Erich Kary, der immer noch unermüdlich Schulklassen trifft. Die Schüler empfinden das Projekt jedenfalls nicht als Zumutung, sondern als Bereicherung.

Sie werden auf den Besuch gut vorbereitet, wie Direktorin Nadine Lemke von der Grundschule Gammelin berichtet. In der vierten Klasse lesen sie das Buch “Der überaus starke Willibald” von Willi Fährmann. Der Titelheld ernennt sich zum Chef eines Mäuserudels und droht mit der Katze, wenn sie nicht tun, was er sagt. Eine einzige Maus widersetzt sich und wird so zur Aussätzigen – eine Parabel auf die Nazidiktatur. Außerdem befragen die Schüler Familienangehörige über die Nazizeit. Höhepunkt ist dann der Besuch in der Gedenkstätte. Auch hier geht es vor allem darum zu zeigen, wie es dazu kommen konnte, dass hier so viele Menschen umgekommen sind, wohin Intoleranz führen kann. Mit überraschenden Ergebnissen: “Ich fand gut, dass wir das erste Mal nicht mit der 4b gestritten haben,” schreibt  ein Junge danach über seine Eindrücke. Selbst die Allerkleinsten werden in das Projekt mit einbezogen. Mit den Erst- und Zweitklässlern haben die Lehrer das Musical “Vierfarbenland” einstudiert, das bei den Feierlichkeiten zur Befreiung von Wöbbelin aufgeführt wurde. Es handelt in einer Welt voller Grenzen. Hier leben die Grünen, dort die Roten, dort die Gelben, und dort die Blauen. Die Eltern reden ihren Kindern ein, dass das so sein muss und skandieren z. B.: “Gelb ist schlecht, Gelb ist schlecht.”  Doch da ist ein kleiner Junge, Erb, dem gefällt eines der gelben Mädchen, und als im Grünland eine gelbe Blume wächst und ausgerottet werden soll, findet er das auch nicht gut. Am Ende reißen die Kinder die Grenzen nieder: Alle sind jetzt bunt und tragen weiße T-Shirts mit roten, blauen, grünen und gelben Händen. Die Überlebenden waren von der Darbietung begeistert. Joshua Laks hätte die ganze Gruppe am liebsten mit nach Yad Vashem genommen, um zu zeigen, wie man schon mit kleinen Kindern auch über die so schwierige Thema arbeiten kann.

Und die Eltern? Sie waren stolz auf die Leistung ihrer Kinder und neugierig auf die Geschichte der Überlebenden, mit denen viele von ihnen auf der Gedenkfeier zum ersten Mal konfrontiert wurden. So haben die Kinder ihre Eltern etwas gelehrt, ganz im Sinne der Geschichte, die sie gespielt haben.