Grußwort von Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission an die Teilnehmer der 18. Generalversammlung des Internationalen Auschwitz Komitees in Auschwitz.
Grußwort
Sehr geehrte Frau Dr. Umlauf,
sehr geehrter Herr Heubner,
sehr geehrte Delegierte,
sehr geehrte Überlebende der nationalsozialistischen Konzentrationslager,
Es ist mir ein wichtiges Anliegen, zu Ihrer 18. Generalversammlung ein paar Gedanken mit Ihnen zu teilen.
In Brüssel, im Haus der Europäischen Geschichte, gibt es einen besonderen Ort. Es ist ein Zwischenraum, an dem Besucher die Ausstellung zu den dunkelsten Jahren, zu Holocaust und Zweitem Weltkrieg, verlassen und die Räume zu Europas Neuanfang betreten. Wenn man hindurch geht, kann man folgenden Worte von Eli Wiesel lesen:
„Wenn überhaupt etwas die Menschheit retten kann, dann ist es die Erinnerung. Hoffnung ohne Erinnerung ist für mich wie Erinnerung ohne Hoffnung.“
Eli Wiesel hat Auschwitz überlebt. Fast ein Jahr lang durchlitt er eine albtraumhafte Welt, eine Welt jenseits jeder Zivilisation, wo – in seinen Worten - „selbst die Naturgesetze außer Kraft gesetzt waren“. Dennoch brachte er in den Jahren danach die Kraft zu hoffen auf. Der Verzweiflung setze er das Leben entgegen, der Entmenschlichung die Menschlichkeit, dem Ende die Zukunft. Nicht, indem er sich vom Leid abwandte oder die Geschichte schweigen ließ, sondern indem er daran erinnerte. Wenn überhaupt etwas die Menschheit retten kann, dann ist es die Erinnerung.
Genau das tun, Sie, liebe Delegierte. Seit Jahrzehnten legen Sie Zeugnis ab – in Schulen, an Gedenkorten, bei öffentlichen Veranstaltungen. Sie finden Worte für ein Grauen, das sich nicht in Worte fassen lässt. Unermüdlich geben Sie die Lehren weiter, die unser friedliches Zusammenleben erst ermöglichen: Hasst nicht! Seid tolerant! Respektiert Unterschiede. Diese Arbeit ist so schwer, wie sie wichtig ist.
Weil wir uns erinnern, konnten wir unser Haus Europa auf Würde, Freiheit und Gleichheit bauen. Und weil wir uns erinnern, müssen wir weiterhin dafür kämpfen.
Eli Wiesels Worte enthalten einen Auftrag, der heute relevanter nicht sein könnte. Unsere fundamentalen Werte werden so angegriffen wie seit Generationen nicht, von außen wie von innen. Das Gift des Antisemitismus verbreitet sich wieder in Europa – und mit ihm die Angst. Jüdinnen und Juden in Europa verbergen den Davidstern an der Halskette. Kinder gehen an bewaffneten Sicherheitskräften vorbei, wenn sie die Jüdische Schule betreten, und genauso Familien, wenn sie in die Synagoge gehen.
Antisemitismus gleich welcher Gestalt hat in Europa keinen Platz. Wir müssen ihm als demokratische Institutionen mit voller Kraft entgegentreten. Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Freiheit von Angst – das sind fundamentale Werte. Und Jüdinnen und Juden müssen in Europa sicher und frei leben können. Deshalb haben wir in der EU-Kommission unsere Bemühungen verstärkt, jüdische Gotteshäuser, Schulen und Gemeindeversammlungen zu beschützen.
Aber wir wissen auch, dass alter Hass sich immer neue Ausdruckmittel sucht. Und als Katalysator des Antisemitismus dient heute der digitale Raum– mit Verschwörungsmythen, Hass-Rede oder Leugnung des Holocaust. Wir haben bereits jetzt ein starkes Regelwerk in Kraft, um ihn sicherer zu machen. Aber da die Gefahren wachsen, verstärken auch wir unsere Anstrengungen. Ein Beispiel: Noch diesen Monat werden wir 150 kluge Köpfe aus ganz Europa und darüber hinaus zusammenbringen, um neue digitale Lösungen im Kampf gegen Antisemitismus zu entwickeln. Wir müssen die Bedrohungen dort bekämpfen, wo sie auftreten – offline wie online.
Aber ich möchte klar sein: Sicherheit ist nur der erste Schritt. Europa muss ein Ort sein, an dem jüdisches Leben gedeiht: sichtbar, lebendig, frei. Auch dazu dient die Erinnerung. Es geht darum, die reiche und inspirierende Kultur, die diesen Kontinent seit Tausenden von Jahren prägt, weiterzugeben. Deshalb werden wir auch im Dezember den ersten Simone-Veil-Preis verleihen, um Jüdisches Erbe als lebendigen Teil der gemeinsamen Geschichte Europas zu feiern. Denn auch die Freude und die Schönheit jüdischen Lebens müssen hell erstrahlen.
Sehr geehrte Überlebende, sehr geehrte Delegierte,
Sie haben Ihre Erfahrungen an die Generation der Kinder, Enkel- und Urenkel weitergegeben. Nun müssen wir dafür sorgen, dass die Erinnerung auch für spätere Generationen erhalten bleibt. Je weiter der Holocaust in die Vergangenheit rückt, desto dringender wird diese Erinnerungsarbeit. Aber es ist nicht allein Ihre Aufgabe; es ist die Aufgabe ganz Europas. Wir müssen wachsam bleiben. Wir müssen die Grundpfeiler unserer Demokratien stärken – Rechtsstaat, Freiheit und Gleichheit. Und wir müssen die Grundfeste von alledem schützen: die Würde des Menschen. Das ist Europas Verpflichtung, das ist Europas Versprechen.
In der jüdischen Tradition ist die 18 ein Symbol des Lebens und kommender Segnungen. Das passt sehr gut zu Ihrer 18. Generalversammlung. Wir erinnern, damit wir leben können.
Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für alles, was Sie getan haben.
Herzliche Grüße,
Ihre Ursula von der Leyen
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Grußwort von Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission (pdf)