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Die Namen der Häftlinge des ersten Transport: Bei der Gedenkfeier in Berlin wurde die Liste der Namen auf dem Steinplatz ausgelegt. © Dariusz Pawlos
Die Namen der Häftlinge des ersten Transport: Bei der Gedenkfeier in Berlin wurde die Liste der Namen auf dem Steinplatz ausgelegt. © Dariusz Pawlos 
 

80. Jahrestag des ersten Transportes nach Auschwitz – Einleitung

Wenn es ihnen möglich war, haben sie Widerstand geleistet


Vor achtzig Jahren erreichte der erste Häftlingstransport das Konzentrationslager Auschwitz. Gerade einmal acht Jahre, nachdem es der nationalsozialistischen deutschen Wehrmacht gelungen war, das gesamte Staatsgebiet Polen zu besetzen, nicht aber den polnischen Widerstand niederzuringen. Das sollte nun mit Hilfe von Auschwitz geschehen. Auschwitz war nicht das erste deutsche Konzentrationslager – in der Nähe von Danzig in Stutthof haben die Nazis schon vor dem 1. September missliebige polnische Politiker gefangen gesetzt – auf polnischem  Boden, aber es sollte das schlimmste sein, dass effektivste    Terrorinstrument in deutschen Händen gegen die polnische Bevölkerung werden.

In diesem ersten Transport nach Auschwitz befanden sich lauter polnische Widerstandskämpfer, zumeist junge Männer. Sie alle hatten sich im Krieg gewähnt. Sie wollten sich den Deutschen nicht einfach ergeben, im Gegenteil, sie wollten den Kampf  weiterführen. Die einen im Land, die anderen versuchten, über die Grenze nach Tschechien zu gelangen, um dann irgendwie nach Großbritannien zu gelangen, wo die polnische Exilregierung untergekommen war und Polen mit den Briten zusammen gegen die Deutschen kämpften.

Wie gesagt, sie wähnten sich in einem Krieg, der nach den Regeln eines in Anführungszeichen zivilisierten Krieges ablaufen sollte. Das bedeutete, Soldaten werden gefangen genommen und in ihrer Haft nicht misshandelt. Das Gegenteil war den meisten von ihnen inzwischen widerfahren. Und dennoch war ihr Bild der Deutschen, sei es durch die Schule, sei es durch Erfahrung, so positiv geprägt, dass sie glaubten, an diesem neuen Ort, wo sie hingebracht wurden, würde endlich wieder alles besser sein und die Deutschen sich wieder als Menschen erweisen. Nicht wie die Wärter zuvor, von denen sie vermuteten, sie müssten Ausnahmen sein, die zufällig an diesen Platz gelangt waren, der ihnen erlaubte ihren Sadismus auszuleben.

Sie wurden eines Besseren belehrt.

Die meisten von ihnen haben nicht kampflos aufgegeben. Wenn es ihnen möglich war, haben sie Widerstand geleistet. Viele hatten dazu die Kraft nicht mehr. Geschwächt von der Folter zuvor, ausgehungert und ausgezehrt hatten sie keine Chance mehr.

Ihnen, den Schwächsten unter ihnen, zu helfen war ein Ziel des Widerstands der Häftlinge. Ein anderes war, die Nachricht über Auschwitz nach außen zu tragen; ein drittes, wo immer nur möglich Sand in das Getriebe des Terrorapparats, der Auschwitz in Gang hielt, zu streuen. Je mehr das Konzentrationslager wuchs, desto mehr Häftlinge aus allen Nationen beteiligten sich an diesem Bemühen. Nicht nur Polen, sondern auch Deutsche und Österreicher, Russen, Tschechoslowaken, Franzosen, Ungarn, Juden oder Nicht-Juden. Sie alle riskierten ihr Leben.

Nach dem Krieg haben die meisten von ihnen versucht, erst einmal zu einem normalen bürgerlichen Leben zurückzukehren. Im Beruf erfolgreich zu sein, eine Familie zu gründen. Und nicht über Auschwitz und was danach geschah zu sprechen. Aber irgendwann hatten sie keine Wahl mehr. „Nie wieder Auschwitz!“ hämmerte in ihren Köpfen. Sie mussten das Erlebte mitteilen, damit es nie wieder geschah. Am Ende haben fast alle von ihnen darüber erzählt. Haben sich den Schulgruppen gestellt und ihren Schmerz ausgehalten, wenn sie sich erinnert haben.

Weil sie daran geglaubt haben, dass es etwas nützt, dass es so gelingt, einen neuen Faschismus zu verhindern.

Und jetzt? Die Wut und der Schmerz der wenigen Überleben brennen unerträglich.

Diese Porträtreihe ist ihnen allen gewidmet: den Überlebenden und den toten einstigen Häftlingen von Auschwitz und ihrem Schmerz, dass all ihre Anstrengungen plötzlich wieder in Frage gestellt werden. Laut und schrill.

Was würden sie von uns verlangen? Mut, Widerstand, sich gegen die neuen Rechten, die neuen Faschisten und Rassisten, die so nicht genannt werden wollen, entgegen zu stellen und für die Demokratie einzustehen. Nicht nur vorher, jetzt, später, eben immer.

 
Kazimierz Albin erhielt die Häftlingsnummer 118 – er floh aus Auschwitz und schloss sich dem Untergrund an (© Boris Buchholz)

Kazimierz Albin

"Schlimmer, kann es nicht werden“, dachte Kazimierz Albin. Doch er irrte – er war einer der ersten Häftlinge in Auschwitz

Nach der Besetzung Polens durch die Deutschen wollte sich Kazimierz Albin der polnischen Armee in Frankreich anschließen. Doch er wurde erwischt: Er wurde als einer der ersten Häftlinge nach Auschwitz gebracht, seine Häftlingsnummer war die 118. Einen anderen Weg aus Auschwitz als durch den Schornstein, werde es für die Inhaftierten nicht geben, hatte ihnen der Hauptsturmscharführer Fritsch am ersten Tag gesagt. Doch nach fast drei Jahren entkam Kazimierz Albin der Tötungsmaschinerie und floh in den Untergrund: "Ich habe meinen 18., 19. und 20. Geburtstag in Auschwitz erlebt. Das reichte." Mehr lesen

Jerzy Bogusz

Jerzy Bogusz

Wer fiel, wer strauchelte, wer irgendeine Schwäche zeigte, der wurde erbarmungslos erschlagen

Als der Zug anhielt, konnte er mit dem Namen "Auschwitz" nichts anfangen. Draußen warteten Männer in blau-weißen Anzügen: „Zuerst glaubten wir, es seien Matrosen.“ Dann schlugen sie auf die neuen Häftlinge ein. "Es war die schlimmste Zeitspanne meines Lebens", erinnert er sich. 1942 wurde er aus Auschwitz "entlassen", er sollte für die Gestapo spionieren. Er entkam seinen Häschern und schloss sich einer Partisanengruppe an. Mehr lesen

 
Die Namen der Häftlinge des 1. Transport wurden auf dem Platz ausgelegt. (© Dariusz Pawlos)

Erster Transport: Gedenken in Berlin

Erinnerung daran, in welchem Inferno Rassismus und Antisemitismus enden können

Am 14. Juni 2020 gedachten weltweit Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau ihrer polnischen Mithäftlinge des 1. Transportes, der am 14. Juni 1940 das entstehende Konzentrationslager Auschwitz erreichte. In Berlin fand die zentrale Gedenkveranstaltung auf dem Steinplatz nahe des Bahnhof Zoos statt. Als Ehrengäste nahmen der Botschafter der Republik Polen, Andrzej Przyblebski, der brandenburgische Staatsssekretär Jobst-Hinrich Ubbelohde und Agnieszka Stefanko vom Auschwitz-Gedenkprojekt der Volkswagen Motor Polska teil. Christoph Heubner vom IAK schloss mit den Worten: "Gerade in der gegenwärtigen Situation erinnert das Gedenken an diesen Tag, diesen Ort und diese Menschen auch daran, in welchem Inferno Rassismus und Antisemitismus enden können." Mehr lesen

Gedenken in Wien (© Andreas Neiß)

Erster Transport: Gedenken in Wien

"Die Schicksale dieser ersten Häftlingsgruppe sollen uns heute Signal und Warnung sein."

"Die Schicksale dieser ersten Häftlingsgruppe sollen uns heute Signal und Warnung sein. Um den Anfängen wehren zu können, muss man sie zuerst erkennen", sagte bei der Gedenkfeier in Wien Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus. Während der Veranstaltung legten Vertreter verschiedener Verbände und Bürger einen Kranz am Mahnmal gegen Gewalt und Faschismus nieder. Mit den Feierlichkeiten in Wien und Berlin wurde generationen- und länderübergreifend den ersten Auschwitz-Häftlingen gedacht, die der Welt so viele Einblicke in die Mechanismen von Hass, Rassismus und Massenmord vermittelt und vor ihnen gewarnt haben. Mehr lesen